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Edeka und Kaiser’s Tengelmann Folgt jetzt die Welle von Übernahmen?

Nicole Ritter | 29. Januar 2016

Die Fusion wird Kraft und Geld kosten, sagt unser Gastautor Prof. Stephan Rüschen. Vor allem aber könnte sich der Konzentrationsprozess weiter verschärfen.

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Ist die Übernahme für Edeka unter diesen Bedingungen ökonomisch attraktiv?
In den nächsten fünf Jahren wird die Übernahme ökonomisch nicht sinnvoll sein. Die erteilten Auflagen wie die Arbeitsplatzgarantie und das Privatisierungsverbot der Filialen verhindern zum einen die dringend erforderliche Filialnetzbereinigung und zum anderen die Implementierung des wichtigsten Wettbewerbsvorteils von Edeka – die Mitarbeiter (z. B. Freundlichkeit und fachliche Auskunft). Mit anderen Worten: Nur weil Edeka über den ehemaligen Filialen von Kaiser’s Tengelmann stehen wird, werden die Mitarbeiter von den Kunden nicht anders wahrgenommen.

Was ist für die Integration entscheidend?
Edeka sollte die Übergangszeit nutzen, um die Weichen für die vollständige Integration zu stellen. Um wichtige Synergie-Effekte in Marketing, Vertrieb, Eigenmarken-Einkauf, Orga & IT zu generieren, sind zunächst alle Märkte auf das Edeka-Konzept und die Marke Edeka umzustellen. Die zügige Integration der Mitarbeiter würde gefördert werden, wenn das Instrument der Job-Rotation genutzt werden würde – also: Kaiser’s-Tengelmann-Mitarbeiter werden in Edeka-Filialen eingesetzt und umgekehrt. Mit Blick auf die Privatisierung der ehemaligen Märkte von Kaiser’s Tengelmann sollten die künftigen Filialleiter-Positionen bereits jetzt mit denjenigen selbstständigen Edeka-Kaufleuten besetzt werden, die in fünf Jahren die Märkte dann vollständig übernehmen sollen.

Um zumindest auf der Einkaufsseite einige Vorteile zu generieren, sollte nun hart mit den Herstellern verhandelt werden, obwohl sich der Umsatzzuwachs für Edeka mit etwa 4 Prozent eigentlich im Rahmen hält. Der Hochzeitsrabatt analog der Plus-Übernahme wird zu positiven Einmaleffekten führen. Insgesamt ist eher davon auszugehen, dass Kaiser’s Tengelmann das Ergebnis der Edeka-Gruppe in den nächsten fünf Jahren belasten wird und erst danach sukzessive einen Ergebnisbeitrag leisten wird.


Was bedeutet die Entscheidung für die Mitarbeiter der beiden Unternehmen?
In den ersten fünf Jahren sind die Auswirkungen letztendlich sowohl für die Kaiser’s-Tengelmann-Mitarbeiter als auch für die Edeka-Mitarbeiter relativ gering. Bei den Kaiser’s-Tengelmann-Mitarbeitern weicht das lange vorherrschende Gefühl der Ungewissheit über den Bestand des Unternehmens nun der Unsicherheit, wie sich Edeka tatsächlich gegenüber den Mitarbeitern verhalten wird. Letztendlich wird die überwiegende Anzahl der Mitarbeiter von Kaiser’s Tengelmann die Übernahme als positiv ansehen, da eine Zerschlagung des Unternehmens vorerst vom Tisch ist.

Welche Konsequenzen hat die Markenartikelindustrie zu erwarten?
Letztendlich erhöht sich der Umsatz und damit die Einkaufsmacht von Edeka nur um etwa 4 Prozent. Somit sollten die Auswirkungen auf die Konditionen der Markenartikelhersteller bei Edeka nicht signifikant sein. Da bereits seit Längerem damit gerechnet werden konnte, dass Kaiser’s Tengelmann irgendwann vom Markt verschwinden würde, hatten die Hersteller ausreichend Zeit, eventuelle Schieflagen in den Konditionsgefügen auszugleichen. Folglich ist bei einem Konditionsabgleich nicht damit zu rechnen, dass es günstigere Konditionen bei Kaiser’s Tengelmann gegeben haben könnte, die nun auf den größeren Edeka-Umsatz von den Markenartikelherstellern übertragen werden müssten.

Allerdings wird Edeka sicherlich nach der positiven richterlichen Entscheidung durch das OLG Düsseldorf im November 2015 bezüglich des Hochzeitsrabattes, den Edeka bereits bei der Plus-Übernahme von den Markenartikelherstellern gefordert hatte, dieses Konditionen-Instrument wieder intensiv einsetzen. Dies wird zumindest einmalig auf die Rentabilität der Hersteller drücken. Dies bedeutet, dass der Tengelmann-Deal selbst keine dauerhafte signifikante Auswirkung auf die Hersteller haben wird.

Fazit
Wirtschaftsminister Gabriel setzt einen Präzedenzfall. Denn wieso sollte er bei der nächsten Übernahme eines Unternehmens im Lebensmittel-Einzelhandel durch eines der vier marktbeherrschenden Unternehmen (Edeka, Rewe, Schwarz-Gruppe, Aldi) eine Ministererlaubnis verwehren können? Somit steht z. B. einem Verkauf von Real an eines der deutschen, marktbeherrschenden Unternehmen des Lebensmittel-Einzelhandels quasi nichts mehr im Wege. Minister Gabriel wird „es ja schon genehmigen“. Wenn somit nun eine Übernahmewelle ins Rollen gebracht werden würde, dann hätte die daraus folgende signifikante Zunahme der Konzentration im Lebensmittel-Einzelhandel gravierende Auswirkungen für die Markenartikelhersteller.

Die Ministererlaubnis ist daher auch ein Signal an die vier marktbeherrschenden Unternehmen im Lebensmittel-Einzelhandel, weitere Zukäufe zu tätigen, und ein Signal an viele mittelgroße Firmen, dass ein Marktaustritt auch durch den Verkauf an einen der vier großen Händler möglich ist. Es könnte somit zu einer Übernahmewelle kommen.

Zahlen und Fakten
  • 31,9 Mrd. Euro setzte die Edeka-Gruppe im Jahr 2014 um, Kaiser’s Tengelmann 1,86 Mrd. Euro.
  • Die Edeka-Gruppe hatte 2014 einen Anteil von 25,2 Prozent am gesamten Lebensmittelumsatz im Handel; es folgten die Schwarz-Gruppe und die Rewe-Gruppe mit jeweils 14,8 Prozent; Aldi hat 12,1 Prozent Marktanteil.
  • Die selbstständigen Einzelhändlermachten 2014 rund 23,4 Mrd. Euro Umsatz, die Regiebetriebe 7,9 Mrd. Euro.
  • 336.100 Mitarbeiter waren 2014 in der Edeka-Gruppe in insgesamt knapp 11.500 Filialen beschäftigt.

Wie sich die Marktanteile ändern
Fred Hogen, Director Retail Services, Nielsen

In Berlin könnte Edeka die Marktführerschaft von 15 Prozent auf mehr als 20 Prozent ausbauen. Somit würde jeder fünfte Euro in Berlin in einem Edeka- Geschäft ausgegeben werden. München mit ca. 1,5 Mio. Einwohnern und einer hohen Kaufkraft ist ein attraktiver Marktplatz für jedes Handelsunternehmen. Hier rangiert Edeka derzeit mit gut 7 Prozent auf Platz 5 im Markt. Nach einer Übernahme der Tengelmann-Standorte würde Edeka mit mehr als 17 Prozent einen Sprung auf Platz 2 hinter Aldi machen. In Nordrhein-Westfalen ist Edeka bereits heute mit knapp 14 Prozent Marktführer. Nach einer Übernahme würde Edeka einen Marktanteil von mehr als 15 Prozent erreichen. Diese Veränderung ist zwar nicht so deutlich, allerdings zeigt der Blick ins Detail, warum es auch hier interessant ist. Zum Beispiel in Köln und Düsseldorf. Hier würde Edeka weiter in das Stammgebiete von Rewe vordringen und sich in Köln auf Rang 4 und in Düsseldorf mit ca. 18 Prozent Marktanteil sogar auf Platz 2 positionieren.