DRUCKEN

Interview mit Carsten Koch und Martin Steinmetz „Dass die Industrie zum Discount geht, ist eine Form von illoyalem Verhalten“

Sonja Plachetta | 14. August 2015

Die Edeka Nord will statt auf Massenware künftig mehr auf besondere, qualitativ hochwertige Produkte sowie auf Eigenmarken setzen. Die Geschäftsführer Carsten Koch und Martin Steinmetz über eine neue Kommunikation zum Endverbraucher, die Neuausrichtung des Gutfleisch-Programms und die Optimierung der Logistik.

Anzeige

Sind Sie durch das Saisongeschäft schon ordentlich ins Schwitzen gekommen?
Martin Steinmetz: Ja, und zwar relativ schlagartig. Wetterbedingt hatten wir zunächst ein vergleichsweise schwaches Geschäft, was Saisonartikel angeht, und als dann plötzlich die Hitzewelle mit an die 40 Grad kam, hat das in der Logistik schon zu Schweißausbrüchen geführt.

Kann man das Volumen-Wachstum beziffern?
Steinmetz: Im vergangenen Jahr hatten wir mit gutem Wetter und Fußball-WM weniger Zuwachs als jetzt. In diesem Jahr lag der Volumen-Anstieg mit der Hitzewelle schlagartig bei 25 Prozent von einer Woche auf die nächste. Wir haben an den Küsten Standorte, die in der Saison das Doppelte oder sogar Zweieinhalbfache des normalen Umsatzes machen.

Was sind bei dem Saisongeschäft die größten Herausforderungen?
Steinmetz: Warenverfügbarkeit ist die eine, und die andere ist, die Ware zu den Händlern zu bekommen. Dafür brauchen wir kurzfristig mehr Personal, mehr Transportkapazitäten als sonst. Und die haben wir nicht einfach zur Verfügung. Je weniger sich also ein Bedarfsanstieg prognostizieren lässt, desto schwieriger ist es für uns.

Carsten Koch: Das wird in den nächsten Jahren noch spannender, wenn die Bevölkerung durch demografischen Wandel noch stärker abnimmt. Dann wird das Anschwellen des Volumens durch Touristen im Sommer für uns im Verhältnis noch mal größer sein.

Wie stellt sich die Edeka Nord auf den demografischen Wandel ein?
Koch: Wir müssen uns in verschiedenen Bereichen anpassen. Auf Großhandelsseite brauchen wir Arbeitswelten, in denen auch ältere Menschen gut tätig sein können.

Steinmetz: So automatisieren wir etwa in der Logistik bestimmte Tätigkeitsbereiche, um bestimmte Hebeprozesse zu entschärfen und so die Mitarbeiter zu entlasten. Wer z. B. im Lager in Zarrentin im Getränkebereich pickt, musste vor der Automatisierung am Tag etwa 7 t bewegen.

Koch: Eine weitere Herausforderung ist es, gut qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen. Im Einzelhandel sind wir davon mehr betroffen als z. B. der Discount, weil wir mehr qualifiziertes Bedienpersonal brauchen. Dafür müssen wir die Personalentwicklung ausbauen und interessante Arbeitszeitmodelle anbieten. Auf Sortimentsebene gilt es, auf die Bedürfnisse von zugezogenen Ausländern und Flüchtlingen zu reagieren. Wir haben schon Märkte, in denen etwa russische oder türkische Sortimente großen Platz einnehmen.

Macht es Ihnen der Discount durch die verstärkten Markenlistungen nun zusätzlich schwer?
Koch: Das verschärft den Preiswettbewerb, der nur auf den kurzfristigsten Absatzerfolg seitens der Industrie abzielt und eine Wertevernichtung hoch 30 darstellt. Die Hersteller belasten aus dem Interesse an einem schnellen Umsatzwachstum über Jahrzehnte aufgebaute vertriebliche Handelsbeziehungen und das damit verbundene Vertrauen. Ich halte das für hochgradig unintelligent und partiell für eine Form von illoyalem Verhalten. Deshalb ist es richtig, dass hier Grenzen aufzeigt werden und, wo möglich, alternative Artikel forciert werden. Es gibt sicher Produkte mit einem solchen Markenwert, dass wir da in unserer Reaktionsmöglichkeit eher eingeschränkt sind. Aber möglicherweise überschätzen einige, die den Weg Richtung Discount kürzlich gegangen sind, ihre Marktbedeutung und damit auch ihre Unangreifbarkeit.

Wenn Edeka solche Produkte auslisten sollte, kaufen Kunden dann nicht erst recht beim Discount, weil es sie nur noch dort gibt?
Koch: In der Vergangenheit haben wir unsere Kommunikation Richtung Endverbraucher zu stark limitiert auf eine Preisaussage. Dabei sind viele Massenprodukte, die sich nur über den Preis definieren, austauschbar. Wir sollten uns eher auf besondere Artikel konzentrieren, die unsere Sortimentsvielfalt ausmachen. Wenn man z. B. ein Kartoffelchip-Regal intelligent auch mit Nischenprodukten befüllt und deren Besonderheit kommuniziert, ist den Verbrauchern der Preis weniger wichtig als die Qualität des Produkts. Ein anderes Beispiel: Im Supermarkt gibt es heute oft 30 Sorten Tomaten, aber außer dem Preis keine Erklärungen zu Qualität, Geschmack, Herkunft usw. Der Handel muss dem Kunden aber solche Informationen an die Hand geben, damit er eine sinnvolle Kaufentscheidung jenseits des Preises treffen kann.

Ist die Preisfixierung nicht hausgemacht durch aggressive Werbung im Handzettel?
Koch: Klar. Es ist aber denkbar, dass wir auch mit anderen Inhalten als dem Preis werben. Bei 25.000 Artikeln bleiben uns über die 200 Werbeartikel hinaus noch genug Möglichkeiten für eine andere Kommunikation. Wenn wir herausstellen, was das Besondere an einem Artikel ist und dass es ihn nur bei uns gibt, kommt der Kunde auch. Wenn sich hingegen ein Discounter als Manufakturbetrieb für Fleisch oder Brot darstellt, fehlt es für jeden ersichtlich an Glaubwürdigkeit. Da traut man uns schon eine ganz andere Qualität zu.

Kritik an der Qualität Ihrer Produkte gab es aber auch – 2014 an Ihrem Gutfleisch-Programm. Welche Auswirkungen hatte das?
Koch: Es gab zwei Kritikpunkte. Zum einen eine fehlerhafte Produktauszeichnung in der Theke. Dort wurde nach einer Aktion ein eher höherwertiger Substitutionsartikel, Rindfleisch aus Südamerika, als Gutfleisch verkauft. Wertmäßig ist dem Verbraucher da kein Nachteil geschehen. Dabei wurden aber in Hinblick auf die Sensibilität mit der Marke und die Kennzeichnungswahrheit nicht die Ansprüche erfüllt, die das Gesetz und wir stellen. Daraufhin haben wir das Schulungskonzept für die Mitarbeiter und das Thekenkennzeichnungskonzept überarbeitet.


Was war der zweite Kritikpunkt?
Koch: Der bezog sich auf die Haltungsbedingungen bei Landwirten, die einen Teil ihrer Schweine, für das Gutfleisch-Programm an uns liefern. Aus diesen Lieferungen selektieren wir am Haken ca. 50 Prozent der Schlachtkörper, die Gutfleischqualität aufweisen und unter dieser Marke vertrieben werden. Es wurde uns unterstellt, dass es unsere Gutfleisch-Ställe wären und dass dort Tiere misshandelt würden. Dabei haben wir als Edeka Nord gar keine eigenen Ställe. Wir haben auch keine Verträge mit Landwirten. Die ZNVG organisiert als Erzeugergemeinschaft die grüne Seite und sorgt dafür, dass unter den von uns gewünschten Bedingungen die Tiere gehalten werden. Bei 4 von mehr als 120 Mästern gab es Kritik an den Haltebedingungen, die z.T. tatsächlich zu beanstanden waren. Wir haben sofort reagiert und diese Mäster für die Belieferung gesperrt.

Trotzdem haben Sie das Gutfleisch-Programm nach der Kritik neu ausgerichtet. Was haben Sie verändert?
Koch: Wir haben den Kontroll- und Überwachungsmechanismus geändert. Die Reportings von den Kontrollen gehen nun direkt an uns und nicht mehr wie vorher an die QS-zertifizierten Kontrollorganisationen. Jetzt können wir besser sehen, ob die Überwachungen durchgeführt wurden und ob es Auffälligkeiten gab. Außerdem übernehmen für uns jetzt drei Organisationen in einem Rotationssystem das Monitoring, und wir behalten uns selbst vor, für unangemeldete Kontrollen in die Ställe zu kommen. So ist das Gute an dem Vorfall, dass wir unser gesamtes Qualitätssicherungssystem optimiert haben.

Was hat es mit Programm „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ auf sich?
Koch: Wir arbeiten seit 25 Jahren mit dem Biopark Mecklenburg-Vorpommern, einem Zusammenschluss von Bio-Landwirten, zusammen. Einige dieser Landwirte kooperieren mit dem WWF und haben ein Programm für Artenvielfalt aufgelegt auf extensiv biologisch bewirtschafteten Agrarflächen. Durch Zusatzmaßnahmen sollen Biotopbedingungen entstehen, um Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren zu fördern. Die Landwirte haben hier eine Nutzungseinbuße. Dafür bezahlen wir als Edeka Nord den Landwirten (dem Biopark) 5 Cent mehr pro kg, die wir auch nicht an den Endverbraucher weitergeben. Das aktuelle Pilotprojekt geht bis 2017, aber ich bin optimistisch, dass es danach edekaweit ausgerollt werden kann – je nach Verfügbarkeit solcher Flächen.

Wie viele Produkte gibt es aus diesem Programm?
Koch: Da wir das Fleisch auch in Wurstwaren verarbeiten, ist das Spektrum ziemlich groß. Es sind mehr als 90. Und es soll weiter ausgebaut werden. Partiell haben wir schon Lieferengpässe.

Ist es nicht zu viel des Guten, wenn ein Artikel wie die „Unsere Heimat“-Kartoffeln mit EU-Biosiegel, Logo von Biopark, grünem „Landwirtschaft für Artenvielfalt“-Logo und dem WWF-Panda gekennzeichnet ist?
Koch: Ja, aber wenn die Ansprüche der Verbraucher steigen, steigt auch die Komplexität der Produkte und damit die Informationsnotwendigkeit. Über diese verschiedenen Programme bieten wir im Internet umfassende Informationsmöglichkeiten an.

Wollen Sie auch Ihre Eigenmarke „Unsere Heimat“ ausbauen?
Koch: Unbedingt. Vor allem bei „Unsere Heimat bio“ im Obst- und Gemüsebereich kommt immer mehr dazu.

Edeka-Chef Markus Mosa sagt, die Edeka forciere Eigenmarken, um unabhängiger von der Industrie zu werden. Was ist Ihre Motivation, Ihre Eigenmarken zu stärken?
Koch: Man muss sagen, dass das Innovationstempo der Industrie teilweise etwas schwach ist. Da haben unsere Eigenmarken oft das höhere Innovationstempo. Zudem können wir darüber den Kunden besser binden, weil er sie nur bei uns bekommt und sich auf die Qualität verlassen kann. Und wir können ja nur froh sein, dass wir Eigenmarken haben, wenn die Markenhersteller ihre Produkte unter Preis beim Discounter verkaufen.

Wie entwickeln sich die Geschäfte der Edeka Nord bisher im Jahr 2015?
Koch: Bis Juni haben wir eine Umsatzsteigerung von über 3 Prozent erreicht, aber nicht auf vergleichbarer Fläche, weil wir letztes Jahr ordentlich expandiert haben.

Was sind Ihre Expansionspläne für 2015?
Koch: Wir wollen qualitativ wachsen. Deshalb planen wir saldiert mit einem Flächenwachstum zwischen 1 und 2 Prozent.

Welche Ziele haben Sie für 2015?
Koch: Wir wollen die Services für unsere Einzelhändler ausbauen, u. a. durch das Bearbeiten von Sortimenten und die Verbesserung unserer Logistikleistung. Die Vollautomatisierung bedeutet, dass wir eine Sortimentsausweitung im Lager Zarrentin herstellen und unseren Kaufleuten so einen stabileren Betrieb bieten können. Dafür haben wir mit rund 65 Mio. Euro auch viel Geld investiert.

Steinmetz: Die vollautomatische Kommissionierung in Zarrentin erreicht inzwischen eine Tagesspitzenleistung von 110.000 Picks, das entspricht 60 Prozent unseres Gesamtausstoßes im Trockensortiment. Im August nehmen wir auch den automatischen Warenausgang in Betrieb.

LPV GmbH

Am Hammergraben 14
56567 Neuwied
Tel.: +49 (0)2631 879-0
Fax: +49 (0)2631 879-201

Web: www.lebensmittelpraxis.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Angebotes darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages vervielfältigt oder verbreitet werden. Unter dieses Verbot fällt insbesondere auch die Vervielfältigung per Kopie, die Aufnahme in elektronische Datenbanken und die Vervielfältigung auf CD-ROM oder Online-Dienste.

All rights reserved. Reproduction or modification in whole or in part without express written permission is prohibited.

Noch kein Account? Registrieren!

Login