Interwiev mit Rainer Utz und Jens Schröder Der Laden soll im Dorf bleiben

Dorfläden sind eine Spezies für sich und stellen besondere Anforderungen an die Vorstufe. Ein Plädoyer für die „Kleinen“ von zwei Kennern der Nahversorger-Szene.

Freitag, 06. Juni 2014 - Management
Dieter Druck
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Bildquelle: Belz

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Dorfläden ticken anders. Ob genossenschaftlich oder privatwirtschaftlich geführt, werden sie oftmals sehr emotional gesehen. Aber wie steht es um Wirtschaftlichkeit und die Überlebenschancen in einer sich weiter verdichtenden Handelslandschaft, in der man sich mit 100 qm Verkaufsfläche verloren vorkommen könnte? Die Antworten geben Rainer Utz, Geschäftsführer der Utz GmbH & Co. KG in Ochsenhausen, und Vertriebsleiter Jens Schröder.

Moderne Nahversorgerkonzepte, neue Dorfläden, wiederbelebte Tante-Emma-Läden – erleben wir wirklich die Renaissance der Nahversorgung?
Rainer Utz: Als Großhändler registrieren wir in unserem Vertriebsgebiet in der Tat eine Wiederbelebung. So werden alte, geschlossene Standorte als Dorfladen wiedereröffnet, und wir können bei Generations- oder Inhaberwechsel oft jüngere Leute für die Selbstständigkeit begeistern. Nicht zu vergessen, Nahversorgung als Parameter für Lebensqualität vor allem im ländlichen Raum ist auf der politischen Ebene angekommen. Und der Begriff „Tante Emma“ ist heute wieder positiv besetzt. Er assoziiert Nähe, Regionalität, persönliche Ansprache und Kommunikation.

Wie schlägt sich das in Zahlen nieder?
Jens Schröder: Seit dem Start des Konzepts ’Dorfladen’ vor 15 Jahren beliefert UTZ heute etwa 30 dieser Standorte mit unterschiedlichen Betreibermodellen. Wir gehen davon aus, dieses Niveau in den kommenden Jahren ausbauen zu können, sind uns aber auch gleichzeitig bewusst, dass wir uns hier in der Nische bewegen. Mit unseren südlichen MSC-Partnern LHG und Rau haben kommen wir auf insgesamt 75 Dorfläden.

Hat es durch die Schleckerpleite einen Schub gegeben?
Utz: Nicht wirklich. In unserem Bereich waren mehr als 408 Standorte betroffen, davon waren vielleicht 10 für einen Nahversorger geeignet.

Welche Betreibermodelle sind zeitgemäß und vor allem überlebensfähig?
Utz: Nachdem anfangs vor allem Genossenschaften und GbR-Modell maßgebend waren, gewinnt heute die Unternehmergesellschaft (UG), landläufig auch Mini-GmbH genannt, als relativ einfach zu bewerkstelligende Rechtsform an Bedeutung. Das Gros der von uns belieferten Dorfläden ist nach wie vor genossenschaftlich organisiert. Bei kommunalen Trägermodellen dominiert die GmbH.

Über welche Verkaufsflächen und Standorte reden wir hier?
Schröder: Das Spektrum bei den Dorfläden reicht in unserem Vertriebsgebiet von 50 bis 350 qm. Der Mittelwert liegt bei 125 qm. Die Geschäfte siedeln überwiegend im ländlichen Raum. Etwa ein Drittel befindet sich in Baden-Württemberg, zwei Drittel liegen in Bayern, was wohl damit zusammenhängt, dass dort das Thema von der Politik früher aufgegriffen wurde. Aber Baden-Württemberg legt nach, und zusammen mit uns befeuert auch der Handelsverband Baden-Württemberg in Kooperation mit der Akademie Ländlicher Raum Baden-Württemberg dieses Thema.

Die andere Seite der Medaille ist die Wirtschaftlichkeit. Wie sieht es mit der aus?
Utz: Bei den selbstständig geführten Nahversorgern handelt es sich in der Tat in einigen Fällen um Zuerwerbs- bzw. Nebenerwerbsbetriebe. Bei kommunaler oder bürgerlicher Trägerschaft ist die „Schwarze Null“ die Vorgabe. Ich kann unterstreichen, dass unsere Dorfläden mit Erfolg arbeiten. Hinter den meisten Schließungen steckt die fehlende Nachfolge und nur gelegentlich die mangelnde Wirtschaftlichkeit.

Wie lange würden Sie die durchschnittliche Anlaufzeit für einen Dorfladen beziffern?
Schröder: Nach unseren Erfahrungen braucht ein Standort, auch wenn er einige Monate oder gar Jahre verwaist war, in den meisten Fällen ein Jahr, um als Einkaufsstätte angenommen zu werden. Im Einzelfall kann es auch länger dauern.