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Spargel 12 Wochen Vollgas

Heidrun Mittler | 21. April 2011

Bei frischem Spargel ist vielen Händlern Regionalität noch nicht nah genug. Sie setzen auf lokale Ware. Außerdem: Warum das Gemüse seinen Preis hat.

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Dank des warmen Wetters in den ersten Apriltagen „schießen" die begehrten Spargel-Stangen und bohren sich durch die Erdkrume. Dementsprechend sind die Erzeuger prächtig gelaunt und hoffen auf eine gute Saison. Alfred Pfister vom Marktkontor Obst und Gemüse Baden beispielsweise ist zuversichtlich, eine ähnlich gute Ernte wie im vergangenen Jahr (rund 5.200 t) vermarkten zu können. Während des kalten Winters lagen die Pflanzen im Tiefschlaf – jetzt haben sie ausreichend Kraft, Triebe zu erzeugen.

Die Saison ist natürlich auch schon im Lebensmittelhandel angelaufen. Andreas Berg, Vertriebsleiter Frischwaren bei den 26 WEZ-Verbrauchermärkten der Karl Preuß GmbH und Co. KG, betont, dass die „Spargelsaison eine wesentliche Bedeutung" hat, annähernd vergleichbar sei nur noch die Tomatensaison mit Ware aus der Region. Spargel beziehen die WEZ-Märkte von drei Lieferanten aus dem jeweiligen Umkreis der Filialen. Berg: „Hier arbeiten wir nicht nur regional, sondern lokal." Die Erzeuger liefern – ja nach Bedarf – bis zu zweimal täglich Ware. Das Handelsunternehmen verfügt über zehn eigene Spargelschälmaschinen, die in den Filialen in Einsatz kommen. Schon früh in der Saison beginnt man mit umfangreichen Außenverkäufen, um „Spargelkompetenz zum Ausdruck zu bringen". Denn nur so, so Bergs Schlussfolgerung, „können wir im Wettbewerb mit den hiesigen Direktvermarktern bestehen".

Martina Homberg-Budnik, Geschäftsführerin der Homberg & Budnik und Co. Einzelhandels OHG mit Sitz in Dortmund, will zu Ostern „an die 50 Kisten Spargel à 7,5 kg verkaufen". Und das in nur einem ihrer Märkte, wobei sie hofft, dass Pfingsten und Muttertag die Menge noch toppen zu können. Sie setzt voll auf deutsche Ware und „tolle Qualitäten" von insgesamt drei Lieferanten, darunter einem aus der Region. An einem Samstag im April kocht ein Spitzenkoch direkt vor den Augen der Kunden. Dabei rechnet die Rewe-Kauffrau mit bis zu 1.500 Kunden, die sich Anregungen und Rezepte holen wollen.

Eine Schälmaschine ist bei Homberg-Budniks nicht im Einsatz. Bei den hochwertigen Qualitäten, also dickem Spargel, seien die Schälverluste zu hoch. Da stellt die Geschäftsführerin sich mit zwei Mitarbeitern lieber ins Geschäft und schält den Kundinnen die Stangen von Hand – als Muttertags-Überraschung. Auch wenn die Konsumenten hier bereit sind, tief in die Tasche zu greifen und Tagespreise um die 11 Euro pro Kilo zu zahlen – zu Saisonbeginn sogar bis zu 19,90 Euro –, verdient sich die Kauffrau mit Spargel keine goldene Nase: „Der Preis steht im Fokus", Direktvermarkter gibt es an jeder Ecke. Da fragt man sich doch: Warum ist Spargel eigentlich so teuer?

Die Antwort gibt Hans-Jörg Friedrich, Vorstand bei Pfalzmarkt in Mutterstadt, der im laufenden Jahr rund 1.500 t Spargel „aus der Pfalz" vermarktet. Die eigenständige Genossenschaft mit mehr als 1.600 Mitgliedern kann früh im Jahr liefern, indem sie Felder mit Folien abdeckt. „Durch diesen Wettbewerbsvorteil lässt sich ein höherer Preis erzielen", weiß Friedrich. Dem stehen allerdings auch höhere Kosten für die Abdeckung entgegen. Er rechnet vor, warum die deutschen Stangen im Handel mindestens 6 Euro pro Kilo kosten müssen, wenn man alle Kosten berücksichtigt: Schon die Pflanzen sind teurer als die der Mitbewerber aus dem Ausland („Dafür schmeckt unser Spargel auch unvergleichlich gut"). Die Erntehelfer, meist aus Polen und Rumänien, schlagen mit rund 9 Euro pro Stunde zu Buche, inklusive Sozialversicherung und Unterbringung. Hinzu kommen die Betriebsmittel: Diesel, Wartung und Instandhaltung der Traktoren, Düngung, Folien, Eisproduktion für die schnelle Kühlung der Ware. Da morgens und abends auf dem gleichen Acker gestochen wird, entstehen zusätzliche Transportkosten. Im Schnitt rechnet ein Landwirt aus der Pfalz mit 6.500 kg Spargel pro ha Anbaufläche, wobei die Anlage aber erst im dritten Jahr Erträge abwirft. Alles in allem beziffert Friedrich die Kosten auf 4 bis 4,50 Euro pro kg, nur dann kann der Erzeugerbetrieb davon leben. Schlägt der Handel dann noch 2 Euro pro kg auf, müsste der Ladenpreis mindestens bei 6 Euro liegen. Doch Friedrich ergänzt: „Die Realität sieht leider oft anders aus." Wenn große Mengen am Markt verfügbar sind, ist dieser Preis nicht zu erzielen.

Wenigstens beim Ende der Saison haben alle Erzeuger – deutsche und ausländische – die gleichen Voraussetzungen: Ende Juni muss man aufhören zu stechen. Nur dann hat die Pflanze genug Zeit, um „ins Kraut zu wachsen". Über das grüne Kraut sammeln sie die Kraft, die nötig ist, um im Folgejahr wieder Triebe zu erzeugen.

Wussten Sie schon, dass...


  • ... eine Arbeitskraft im Schnitt 6 bis 8 kg Spargel pro Stunde stechen kann? Sie bekommt dafür laut Tarif 6,40 Euro pro Stunde.
  • ... der Anbau in Deutschland auf knapp 23.000 ha erfolgt?
  • ... die Anbaugebiete über ganz Deutschland verteilt sind? Deshalb sind die Lieferwege kurz, die Regionalität hat hohe Bedeutung.
  • ... im vergangenen Jahr 92.000 t Spargel aus heimischem Anbau verzehrt wurden? Die Importe: 24.000 t (Quelle: AMI).
  • ... 1 kg deutscher Spargel mindestens 6 Euro kosten muss, wenn man alle Kosten berücksichtigt?
  • ... grüner Spargel derzeit noch weniger als 5 Prozent des Absatzes ausmacht? Allerdings steigt die Nachfrage stetig an.
  • ... die Spargelpflanze so gut wie keinen Pflanzenschutz braucht? Selbst konventionelle, deutsche Ware hat quasi „Bio-Qualität".
  • ... der Urin nach dem Verzehr von Spargel so eigenartig riecht, weil der Körper die enthaltene Asparaginsäure abbaut?

Bildquelle


Marktkontor Baden
LPV GmbH

Am Hammergraben 14
56567 Neuwied
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