Tierwohl Drei Beispiele Bauern mit Seele - Bauern mit Seele Teil 2: Christoph Selhorst

Artgerechte Nutztierhaltung in der konventionellen Landwirtschaft – was sich der Verbraucher dringend wünscht, stellt die Betriebe vor zum Teil massive Herausforderungen. Die LP sprach mit drei Landwirten über den Spagat zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit.

Donnerstag, 22. September 2016 - Sortimente
Bettina Röttig
Artikelbild Bauern mit Seele - Bauern mit Seele Teil 2: Christoph Selhorst
Bildquelle: Reinhard Rosendahl

Inhaltsübersicht

Christoph Selhorst

Noch in der ‧Testphase
Ein Handbuch für die Mast von Schweinen mit unkupierten Schwänzen zu erstellen, ist noch eine große Herausforderung, lernen wir bei unserem nächsten Besuch in Sachen Tierwohl wenige Stunden später und rund 125 km südlich von Wilsum. In Ascheberg, im Münsterland, betreibt Familie Selhorst Landwirtschaft in der 13. Generation. Christoph Selhorst ist seit eineinhalb Jahren offiziell in die Leitung des Familienbetriebs eingestiegen. Der 28-Jährige kümmert sich mit seinem Vater um rund 3.000 Mastschweine und baut auf 130 ha Gerste, Weizen und Mais an. 2010 wurde der sechste Schweinestall errichtet, die niedrigen Erzeugerpreise machten die Betriebsvergrößerung nötig. Seitdem wollen Selhorsts über Qualität wachsen, mehr Tierwohl gewährleisten. So wurde bereits vor fünf Jahren die Ebermast für den gesamten Betrieb eingeführt.

Zu sehr in Vorleistung könne man nicht gehen, die Maßnahmen müssten sich auch rechnen, stellt der Agraringenieur sofort klar. 2014 meldeten sich Selhorsts für das BMEL-Projekt der Demonstrationsbetriebe an und testen seit einigen Monaten gemeinsam mit weiteren Betrieben in einem neu gegründeten Netzwerk kostenneutral die Haltung von Mastschweinen mit unkupierten Schwänzen. Den finanziellen Mehraufwand übernimmt das BMEL. Genauso wie das Schnabelkürzen in der Hennenhaltung darf das Kupieren von Schwänzen beim Schwein nur im begründeten Einzelfall vorgenommen werden. Dennoch ist es im Grunde zur Routine geworden, weil es sonst – so die gängige Auffassung – in den Betrieben zu Kannibalismus bis hin zu Todesfällen kommt.

Auf Hof Selhorst zogen die ersten Tiere mit intakten Ringelschwänzen im November 2015 ein. Seit Anfang August stehen die jüngsten 230 Langschwänze im Stall, der dritte Durchgang. Rund 10 Prozent mehr Platz als üblich steht den Tieren zur Verfügung, offene Wasserstellen und eine Erhöhung des Rohfaseranteils im Futter u. a. zur Förderung der Darmgesundheit haben sich bewährt. Verschiedene Beschäftigungsmaterialien wurden getestet, zum Teil aber schon wieder aus dem Stall verbannt, da sie nicht den gewünschten Effekt brachten. „Nach höchstens drei bis vier Tagen haben die Materialien den Stallgeruch angenommen und werden links liegen gelassen“, sagt Selhorst. Hier und da hängt noch ein Automat, an dem sich die Tiere selbst Futter erspielen sollen. Auch diese wurden nicht angenommen und sind zum großen Teil wieder ausgebaut worden.

Unterm Strich hatten Selhorsts mit der ersten Gruppe Langschwänze gute Erfahrungen gemacht, Probleme hab es jedoch mit Nekrosen-Bildungen an den Schwanzspitzen. 80 bis 90 Prozent der Ferkel kamen mit Nekrosen nach Ascheberg. Nicht immer ist Schwanzbeißen die Ursache hierfür. „Negative Stoffwechselprodukte lagern sich im letzten Schwanzteil ab“, erklärt Selhorst. In der zweiten Gruppe sei es trotz gleicher Haltungsbedingungen zu aggressiven Beißereien gekommen, ebenfalls resultierend aus der Ferkelaufzucht. Für die aktuelle Gruppe stellte der Ferkelerzeuger noch einmal das Futter um, erhöhte den Gehalt an Rohfaser und tierischem Protein – bisher mit positivem Effekt, also deutlich weniger Problemen.

Eine eher bittere Erkenntnis aus dem Netzwerk bisher: Was in einem Betrieb funktioniert, ist noch lange nicht systematisch auf andere Betriebe übertragbar. Bis zu einem Managementleitfaden für die erfolgreiche Haltung von Mastschweinen mit unkupierten Ringelschwänzen ist es also noch ein langer Weg. Die größten Probleme gebe es in der Phase der Ferkelaufzucht bis zur 10. Woche, betont der Landwirt noch einmal. In dieser für das Tier prägenden Zeit müsse man stärker ansetzen, um Verhaltensstörungen wie Beißereien zu verhindern und die Gesunderhaltung der Tiere zu fördern.

Mindestens bis Juni 2017 soll das Projekt noch laufen, wahrscheinlich wird es jedoch verlängert. Selhorsts wollen gerne noch weitere Maßnahmen in der Mast testen, z. B. soll die Fütterungsanlage umgestellt werden, um eine noch bessere Hygiene zu gewährleisten.

Und welchen Aufpreis kann der Landwirt für jedes Schwein mit Ringelschwanz im für Tierwohl so sensibilisierten Markt verlangen? Selhorsts verkaufen die Tiere an einen der bekannten Riesen unter den Fleischvermarktern, der sich seit Jahren über das Thema Tierwohl profiliert. Ungefähr 8 Euro Mehrkosten pro Tier sind erforderlich, möchte man mehr Tierwohl gewährleisten, schätzt Selhorst, aber „wir bekommen nicht einen Cent mehr für ein Schwein mit Ringelschwanz“, so die ernüchternde Antwort. „Wir sind sehr offen für direkte Kooperationen mit dem Handel. Für Händler, die sich über Regionalität und Tierwohl profilieren wollen, sind wir die richtigen Partner“, sagt Selhorst.

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