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Schweiz Schweizer Schlüsselqualifikationen

Tobias Dünnebacke und Christina Steinheuer | 07. September 2012

In vielem ist die Schweiz weiter als Deutschland. Clever wird Tradition mit Trends, Geschäft mit Gesellschaft, Image mit Immunität verknüpft.

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In der Schweiz ändert sich gerade alles, im Prinzip, damit alles so bleiben kann. Eveline Widmer-Schlumpf, Bundespräsidentin der Schweizerischen Eidgenossenschaft, will das Image ihres Landes als Steuerflüchtlingsparadies loswerden: Deutsche Vermögen in der Schweiz werden ab 2013 nach deutschem Recht besteuert. Dann werden 26 Prozent Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge fällig sowie zwischen 19 und 34 Prozent auf Altvermögen seit dem Jahr 2000. 1,9 Mrd. Euro Vorschuss zahlen Schweizer Banken dem deutschen Fiskus. Das Erfolgssystem CH bleibt, nur der Fokus verschiebt sich: vom Steuer- zum Rohstoffhandelsparadies.

Handelspartner aus der Schweiz
  • Ricola
  • Wander AG
  • Schweizer Milchproduzenten AG
  • Emmi
  • SCM
  • Rivella
  • Bell Gruppe
  • Orior Gruppe
  • Chocolats Camille Bloch
  • Proviande
  • Pasta GALA

Die rohstoffarme Schweiz ist heute ein – wenn nicht sogar das – Zentrum der Rohstoffindustrie weltweit. Branchenschwergewichte wie Glencore (Gewinn 2011 4,3 Mrd. USD) kontrollierten bereits 2010 laut Nachrichtenmagazin Spiegel (26/2012) 60 Prozent des freien Zinkmarktes, 50 Prozent des zugänglichen Kupfer- und 45 Prozent des freien Bleimarktes. Im Portfolio der Handelsriesen wie Trafigura oder Vitol sind immer öfter Agrarprodukte. Genf ist heute wichtigster Handelsplatz für Weizen, Kaffee, Zucker, Baumwolle. Die Unternehmen sind „gemischte Gesellschaften“, die 80 Prozent ihres Geschäfts im Ausland machen und nur Teile ihrer Gewinne versteuern müssen. Mit dem Kaffee fing alles mal klein an – obwohl die Schweiz nicht als Anbauland bekannt ist, sind im Alpenland diverse Röstereien zu finden, der Handel folgte, das System funktioniert. Die Unternehmen zahlen weniger als in anderen Ländern, die Kommunen haben sprudelnde Steuereinnahmen, die Bürger freuen sich über eine Infrastruktur in den Wirtschaftszentren, von der man woanders nur träumen kann.

Die Schweizer sind mentalitätsbedingt Meister darin, aus allem das Beste zu machen und Lösungen zu finden: Der hohe Wechselkurs zwischen dem Euro und dem Schweizer Franken (CHF) setzt dem exportorientierten Mittelstand schwer zu. Viele planen, ihre Einkaufsabteilungen ins Ausland zu verlagern. Hält die Entwicklung weiter an, gehen Banker, Berater und Volkswirte einhellig davon aus, dass auch Produktionsstandorte in die EU abwandern. Erste Firmen werben damit, bald noch näher am Kunden zu sein.


8 Mio. Einwohner zählt die Schweiz nun. Zu den eigenen Sprachen und Wurzeln (Deutsch, Italienisch, Französisch und Rätoromanisch) kam in den vergangenen Jahren ein buntes Gemisch aus diversen Kulturen. Die Schweiz ist ein Einwanderungsland, benötigte und benötigt noch immer Arbeitskräfte, der Ausländeranteil ist in vielen Kommunen hoch, im Durchschnitt liegt er bei 23 Prozent. Während in Deutschland Zuwanderung oft in die Sozialsysteme stattfindet, ist das Sozialsystem Schweiz eines, von dem fast immer beide Seiten profitieren. Das erläuterte in ihrer Rede anlässlich des Nationalfeiertags am 1. August Eveline Widmer-Schlumpf, Bundespräsidentin der Schweizerischen Eidgenossenschaft. „Unsere Wirtschaft ist angewiesen auf Arbeitskräfte aus dem Ausland. Dies ist ein wesentlicher Grund für die Zuwanderung in den letzten Jahren.“ Für Politik, Gesellschaft und Geschäftsleben gilt: Etwas ist dann gut, wenn alle Beteiligten profitieren. Ist das nicht der Fall, ist die berühmte Schweizer Neutralität am Zug: Deshalb ist man (noch) nicht EU-Mitglied, setzt auf Franken statt auf Euro und hält sich zurück.

Überhaupt sind die Schweizer auf ihre Heimat fokussiert, sie lieben ihre Berge, Landschaft, Natur und ihre eigenen Lebensmittel. Käse, Schokolade, die Cervelat, Rivella und Ricola sind nicht nur Exportschlager, sondern auch im eigenen Land beliebt.

Weil die Schweizer auch ihre Natur achten, erfolgt die Produktion vieler Lebensmittel wesentlich nachhaltiger als bei uns. Auch Bio hatte es in der Schweiz einfacher. Regionalität wird eng definiert, bei Manor z. B. gibt es das Lokalkonzept, bei dem Artikel nur aus einem ca. 30-km-Radius rund um jede einzelne Filiale stammen dürfen. Mehrere Umwelt- und Tierschutzlabel existieren schon lange, manche seit über 20 Jahren. 60 Prozent der Schweizer Betriebe sind im Qualitätsmanagement Schweizer Fleisch integriert, das eine umwelt- und tierschutzkonforme Haltung garantiert, die anderen 40 Prozent arbeiten nach noch strengeren Vorschriften anderer Label-Programme.

2007 startete Coop mit 23 Artikeln die Produktlinie „Pro Montagna“. Heute werden so 120 Bergprodukte (Milch- und Fleischprodukte, Gebäck, Brot, Mehl, Teigwaren, Tee, Gewürze, Honig, Wein, Bier, Weihnachtsbäume, handgemachte Spielwaren und Küchenhelfer aus Holz) sowie 80 Alpkäse vermarktet. Rohstoff und Verarbeitung müssen in den Bergen stattfinden, dafür zahlt der Konsument z. B. bei 1 l Bergmilch fünf Rappen mehr. Wie viel genau, steht auf jedem einzelnen Produkt. Coop stellt diesen Aufschlag komplett für Projekte in den Bergen zur Verfügung. Seit 2007 kamen so mehr als 3,2 Mio. CHF zusammen. Tradition wird gepflegt, aber auch für Innovationen genutzt.

1922 entwickelte der Landarzt und Apotheker Dr. Emil Aufdermaur aus Schweizer Kräutern Husten- und Bronchialpastillen, später folgte ein Bonbon aus einer 20-Kräuter-Mischung. Noch heute ist diese Mischung die Basis aller Vitalp-Kräuterprodukte. Nach jahrelanger Forschung hat Hersteller Domaco eine Instanttisierungs-Technologie entwickelt. Vorgestellt wurde der neueste Instant-Tee bei der diesjährigen ISM. Mit der neuen Technologie wurden die ersten Kindertees Fenchel und Kamille, gegen Verdauungsprobleme und Blähungen, für Milupa in Deutschland lanciert.


Gesundheitlicher Zusatznutzen steht auch im Fokus der Anoxymer GmbH, die an bioaktiven Produkten aus Extrakten der Amarant-Pflanze arbeitet, was für Hersteller von Teig- und Backwaren bzw. von Herstellern für Lebensmitteln für Sportler interessant sein dürfte. Die Interessengemeinschaft Aronia Schweiz verarbeitet Aroniabeeren zu Konfitüren und Säften, hat die heilende Wirkung bei chronischen Darmentzündungen im Blick und hofft auf weitere medizinische Wirkungen, die gerade erforscht werden.

In der Schweiz wird viel in Forschung investiert, aber auch viel getestet. Am 30. August hat im Zürcher Quartier Höngg der erste Alnatura Bio-Supermarkt der Schweiz (460 qm; 5.000 Produkte) eröffnet. Geführt wird er von der Migros. Weitere Märkte in anderen Städten seien geplant.

Die Edeka Südwest vermarktet unter ihrer Eigenmarke „Schweitzers“ seit mehr als zehn Jahren Kaffee. Im Frühjahr 2011 wurde die Marke mit den Sortimenten Schokolade/Pralinen, Gebäck, Rösti, Alpen-Eistee, Milchmischgetränke, Yoghurt, Käse und Wurst auf über 40 Artikel ausgebaut.

„Viel weiter als die Deutschen sind die Eidgenossen in Sachen Conveniece-Stores und Belieferungsservice“, findet Marc Linnenkohl, Field Force Manager für Wrigley in der Schweiz. Coop at home und Migros LeShop nennt er beispielhaft. Auch die erste QR-Code-Plakataktion fand natürlich in der Schweiz statt, am Züricher Bahnhof bei einem Coop-Markt und nicht im deutschen LEH.

LPV GmbH

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