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Sachsen Starke Leistung

Silke Bohrenfeld | 20. Juni 2011

Eine aktuelle Befragung von Unternehmen der Food-Industrie gibt den Status Quo in der sächsischen Ernährungsbranche wieder.

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Mit einem Anteil von 13 Prozent am Gesamtumsatz des verarbeitenden Gewerbes zählt die sächsische Ernährungswirtschaft zu den stärksten Wirtschaftszweigen im Freistaat Sachsen. Neben großen Erfolgen weist sie aber auch Defizite auf. Um auszuloten, wo die Branche steht, hat die AFC Management Consulting AG im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft sowie der Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH eine Branchenstudie erstellt. Auf diese Weise ist ein umfassendes Bild der Ernährungswirtschaft in Sachsen entstanden.

Unternehmen aus Sachsen:

Bezüglich des Umsatzes 2010/2011 erwartet etwa die Hälfte der Befragten ein Wachstum von bis zu 5 Prozent. Drei Viertel konnten einen Jahresüberschuss erzielen. Auffällig sind die überdurchschnittlichen Ergebnisse der Backwarenbranche und der Sektion Sonstige Nahrungsmittel. Jeweils ein Drittel der Teilnehmer beider Bereiche erwirtschafteten einen Jahresüberschuss von 5 bis 10 Prozent. Die Befragungsteilnehmer aus den Branchen Fleisch und Milch dagegen blicken pessimistischer in die Zukunft. Die Obst- und Gemüseverarbeiter erwarten tendenziell etwas günstigere Ergebnisse.


Als einer der zentralen Standortfaktoren für die Branche kristallisierte sich die Verfügbarkeit von Fachkräften heraus. In diesem Zusammenhang spielt insbesondere das Ausbildungsangebot der Unternehmen eine wichtige Rolle. 27 Prozent der befragten Unternehmen bieten keine Ausbildungsplätze an. Die schwächsten Quoten offenbaren die Teilbranchen Obst- und Gemüseverarbeitung (42 Prozent) sowie Sonstige Nahrungsmittel (46 Prozent). Die besten Ausbildungsquoten erreichen die Sparten Milchverarbeitung (100 Prozent) sowie Back- und Teigwaren (85 Prozent). Insgesamt konnten 34 Unternehmen die angebotenen Ausbildungsplätze nicht vollständig besetzen. Die Erwartungen für das Mitarbeiterwachstum liegen bei 1 bis 2 Prozent für 25 Prozent der Befragten. Die niedrigsten Erwartungen liegen mit 88 Prozent in der Bierbranche. Um die Wettbewerbsposition künftig weiter ausbauen zu können, ist die Verfügbarkeit von Fachkräften ein elementares Kriterium für die sächsisch e Ernährungswirtschaft. Dabei konkurriert sie mit anderen Branchen in Sachsen, die teilweise ein besseres Image bei jungen Menschen besitzen, um geeignete Bewerber.

Diese Herausforderung verstärkt sich für die klein- bis mittelständisch geprägte Ernährungsindustrie umso mehr, da große Unternehmen den Fachkräftenachwuchs fast vollständig absorbieren und damit vor allem die handwerklich strukturierten Teilbranchen vor erhebliche Probleme stellen.

Angesichts der fehlenden Größe vieler Betriebe könnten Verbundausbildungsplätze mehrerer kleiner Betriebe stärker angeregt werden. Auch sollten Maßnahmen zur Förderung der Attraktivität dieser Berufsbilder intensiver unterstützt werden. Durch eine stärkere und frühere Vernetzung zwischen Handwerk und Schule könnten die Fachkräfte von morgen frühzeitig angesprochen werden.

Eine der auffälligsten Schwachstellen der Ernährungsindustrie ist das Auslandsgeschäft. Mit 7,6 Prozent liegt die sächsische Exportquote weit unter dem Durchschnitt der deutschen Ernährungsindustrie, der bei rund 17 Prozent liegt. Unter den Befragten exportiert rund die Hälfte nicht. Die Milchverarbeitung verzeichnet mit 9,9 Prozent die stärkste Exportquote. Das Schlusslicht ist die Bierbranche mit einem Wert von lediglich 1,6 Prozent. Der starke Fokus auf Sachsen als Vertriebsgebiet spricht zum einen für die starke Präsenz und Akzeptanz der Produkte im eigenen Land, zeigt aber auch Potenziale zur Ausweitung auf, vor allem in Westdeutschland sowie Polen und Tschechien. Eine Ausweitung des Vertriebsgebietes kommt lediglich für die Unternehmen infrage, die ausreichende Produktionskapazitäten vorhalten. Auch vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich, die Strukturentwicklung zu größeren Einheiten zu unterstützen, die es sächsischen Unternehmen erlaubt, das Vertriebsgebiet auszuweiten. Die Erschließung von Westdeutschland als Absatzmarkt sollte Priorität noch vor dem Export haben.

Im Rahmen des BMELV-Messeprogramms werden auch innereuropäische Aktivitäten mit entsprechenden finanziellen Vergünstigungen angeboten. Hier ist zu prüfen, inwieweit sich die sächsische Ernährungswirtschaft an Firmengemeinschaftsständen auf den Messen IFE, London, und Anuga, Köln, beteiligen kann. Soweit eine Zusammenarbeit mit dem Bund nicht möglich erscheint, ist alternativ zu prüfen, ob eine Zusammenarbeit mit anderen ostdeutschen Ländern infrage kommt. So sollte verifiziert werden, ob Supermarktketten in Polen, Tschechien und Österreich ihre Hausmessen für sächsische Produkte öffnen. Hier empfiehlt sich die Einrichtung spezieller Länder-Arbeitskreise, um fehlende Kontakte und geringe Marktkenntnisse abzubauen. Sie gelten neben hohen Kosten bzw. geringen Erlösen als größte Hemmnisse für Auslandsaktivitäten. Hier ist zu prüfen, ob sich Einkäuferreisen nach Sachsen bzw. zu deutschen Messen organisieren lassen. In diesem Zusammenhang sollten Ko ntaktpersonen und Multiplikatoren im Ausland identifiziert werden. Auch sollte eine unternehmensspezifische und einzelbetriebliche Beratung zu Auslandsaktivitäten angeregt werden.

Ein weiteres Thema der Befragung war Forschung und Entwicklung. Knapp ein Fünftel der Befragten betreibt eine eigene Forschungs- und Entwicklungseinheit. Besonders forschungsaktiv zeigen sich dabei die Branchen Obst und Gemüse (32 Prozent), Sonstige Nahrungsmittel (41 Prozent) und die Milchverarbeitung (50 Prozent). Lediglich ein Drittel gibt an, unabhängig von einer eigenen Einheit, Ausgaben für F&E zu tätigen. Eine eigene Forschungseinheit ist auch nicht zwangsläufig notwendig, um innovative Produkte zu vermarkten. So gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, einen Anteil des Umsatzes mit Produkten, die jünger als drei Jahre sind, zu erwirtschaften. Forschungskooperationen gehen lediglich 10 Prozent der Befragten ein, dabei „forscht“ die Mehrzahl an neuen Produkten.

Eine entscheidende Bedeutung für die weitere Entwicklung der Ernährungswirtschaft in Sachsen kommt auch der Kooperation zwischen Unternehmen zu. Die bisherige Kooperationsquote der sächsischen Teilnehmer ist zwar positiv, aber auch ausbaufähig. Gerade in kleingliedrigen Branchenstrukturen ist das Mittel der Kooperation ein geeignetes Instrument, Größennachteile im Wettbewerb auszugleichen. Es sollte die Zusammenarbeit kurzfristig vor allem in den Bereichen Einkauf, Produktion, Werbung und Distribution gestärkt werden. Insbesondere sollte in diesem Zusammenhang geprüft werden, inwieweit Kooperationen mit anderen Wirtschaftsbereichen (z.B. Maschinen- und Anlagenbau, Logistik, Verpackungsindustrie, Umwelttechnologie zum Thema Energieeffizienz) über Netzwerkorganisationen oder die Kontakte der WFS angeregt werden können. Kooperationsplattformen, Fachmessen und Kongresse eignen sich dazu, den Wissenstransfer bzw. die Vernetzung unter den Akteuren gezielt anzust oßen.

Mit einem tendenziell hohen Kostenniveau wird die Ernährungswirtschaft in Deutschland und Sachsen langfristig ihre Wettbewerbsposition nur durch Innovations- und Qualitätsführerschaft verbessern, halten und ausbauen können. Um die geringen Forschungs- und Entwicklungsbemühungen der sächsischen Ernährungswirtschaft zu intensivieren, bedarf es zunächst einer gewissen Sensibilisierung, vor allem bei den eher klein- bis mittelständischen Unternehmen. Wichtig für diese Unternehmen ist aber auch eine verstärkte bedarfsgerechte Hilfestellung bei der Akquisition von Fördermitteln. Auch die Durchführung von Workshops mit Local Heros, die aus eigener Erfahrung über erfolgreiche Forschungskooperationen berichten, kann die Kooperationsbereitschaft positiv beeinflussen. Zunächst gilt es aber Transparenz über die vorhandenen bzw. relevanten Einrichtungen wie z.B. Universitäten, Hochschulen, Max-Planck, Leibnitz, Fraunhofer etc. herzustellen. Der Aufbau von Kooper ations-Arbeitskreisen, die mit einfachen Themen beginnen (z.B. Beschaffung), kann hier ein hilfreiches Instrument sein. Damit in Zukunft die sächsischen Stärken zum Tragen kommen, ist es notwendig, die aufgezeigten potenziellen Hemmnisse durch gezielte Maßnahmen zu entschärfen bzw. die Umsetzung der Handlungsempfehlungen aktiv zu unterstützen.