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Getränkewirtschaft und Corona Eindringliche Appelle und Solidarität

Lebensmittel Praxis | 30. März 2020
Getränkewirtschaft und Corona: Eindringliche Appelle und Solidarität
Bildquelle: www.christoph-papsch.com

Die Corona-Pandemie hinterlässt deutliche Spuren in der Getränkewirtschaft. Seit Tagen werden nicht nur Hygieneartikel wie Klopapier und Desinfektionsmittel von den Verbrauchern zunehmend gehortet, sondern auch Getränke wie Mineralwasser und Bier. Eine Belastung für das Mehrwegsystem. Die Brauer kämpfen zudem mit dem Wegbrechen des wichtigen Export-Geschäfts und Gastronomie-Schließungen. Die Spirituosen-Hersteller reagieren kreativ und solidarisch. Ein Überblick.

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„Die Corona-Pandemie wird massive Auswirkungen auf die 1.500 Brauereien in Deutschland haben. Waren im Februar die Exporte in wichtige Auslandsmärkte eingebrochen, fällt nun auch das Gastronomiegeschäft weg. Durch die Absage tausender Veranstaltungen und der Fußball-Europameisterschaft wird die Branche ebenfalls hart getroffen“, fasst Sinje Vogelsang, Sprecherin der Warsteiner-Brauerei die aktuelle Lage gegenüber der Lebensmittel Praxis zusammen.

Ebenfalls drastisch beschreibt Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Brauer-Bundes, die Situation: „Mit jedem Tag verschärft sich die Lage. Diese Woche hat die erste Brauerei in Bayern aufgegeben. 400 Jahre Familientradition – mit einem Schlag beendet.“ Ohne schnelle und unbürokratische staatliche Hilfen würden irreparable wirtschaftliche Schäden drohen. Auch Julian Schwarzat, Sprecher vom Bundesverband des Deutschen Getränkefachgroßhandels, beklagt die bürokratischen Hürden: „Immer mehr Mitgliedsbetriebe beantragen Kurzarbeit und berichten von einer unübersichtlichen Situation.“

Ausgerechnet China und Italien sind die wichtigsten Export-Märkte

Nicht nur Schließungen von Bars und Kneipen sowie das Aussetzen von sportlichen Veranstaltungen bereiten den Brauern Sorgen. Durch den sinkenden Inlandskonsum der vergangenen Jahrzehnte haben sich viele Unternehmen verstärkt auf den Export ihrer Produkte konzentriert. Diese globale Ausrichtung gerät jetzt in Schieflage. Die wichtigsten Auslandsmärkte für deutsches Bier sind ausgerechnet die von der Corona-Pandemie am stärksten betroffenen Länder Italien und China. Gerade für Italien mussten die Planungen drastisch nach unten korrigiert werden, weitgehend sind Lieferketten und Geschäftsbeziehungen zum Erliegen gekommen.

Auch die Rohstoffbeschaffung stellt die Branche vor neue Herausforderungen. „Es muss sichergestellt sein, dass der Nachschub etwa bei Malz und Getreide rollt und es an gesperrten EU-Grenzen eine Art Überholspur für Lebensmittel und Agrarrohstoffe gibt“, so Eichele. Ernste Schwierigkeiten zeichnen sich bereits beim Hopfen ab: Wegen der Grenzschließungen stehen aktuell kaum Saisonarbeitskräfte für die Frühjahrsarbeiten in den Hopfengärten zur Verfügung.

Laut der Eifeler Bitburger-Brauerei ist es noch zu früh Prognosen über die wirtschaftlichen Schäden aufzustellen: „Wie für uns alle wird entscheidend sein, wie lange die derzeitige Situation andauern wird. Seriöse Aussagen oder Prognosen über den weiteren Verlauf oder gar Umsatzfolgen und Verkaufszahlen können wir derzeit nicht treffen, sie stehen aber aus unserer Sicht auch nicht im Vordergrund“, sagt Axel Dahm, Sprecher der Geschäftsführung der Bitburger Braugruppe.

Auch Deutschland ist natürlich ein wichtiger Export-Markt für ausländische Unternehmen. Marc Honold beispielsweise ist als CEO Nestlé Waters Deutschland/Österreich verantwortlich für Getränke-Marken, die im von der Krise besonders betroffenen Italien abgefüllt werden, wie das Premium-Mineralwasser S. Pellegrino aus der gleichnamigen Therme in der Provinz Bergamo.

„Wir halten uns bei der Produktion und der Belieferung an strenge Hygienerichtlinien. Stand heute können wir versichern, dass die Produktion unserer Marken Vittel, Contrex sowie S.Pellegrino und Acqua Panna trotz einiger Herausforderungen im Zusammenhang mit der Ausnahmesituation normal weitergeführt wird. Wir haben Maßnahmenpläne vorbereitet, um mögliche weitere Einschränkungen an den Ländergrenzen zu bewältigen“, erklärt Honold auf Anfrage.

Mineralbrunnen und Brauer sorgen sich um Leergut-Engpässe

In einer gemeinsamen Erklärung von Verbänden der Getränkewirtschaft wird außerdem dazu aufgefordert, die Einkäufe nicht zu sehr auf das Wochenende zu konzentrieren, um Engpässe zu vermeiden: „Wir bitten darum, die vorhandenen zeitlichen Möglichkeiten umfassend zu nutzen und den Einkauf trotz der erweiterten Öffnungszeiten nicht ausschließlich beziehungsweise vorrangig auf das Wochenende auszurichten.“

Bundesweit versorgen neben 34.800 Lebensmittelgeschäften auch noch nahezu 10.000 Getränkefachmärkte die Bevölkerung (Nielsen, 2019). Etwa ein Drittel des Gesamtumsatzes von Getränken entfällt auf diese Abholmärkte, die genau wie Supermärkte aktuell nicht von Schließungen betroffen sind. In der derzeitigen Lage profitieren besonders Hersteller, die hier ihren Fokus haben: „Zu unseren Absatzmittlern gehören zum größten Teil der Lebensmittel-Einzelhandel sowie der Getränkefachgroß- sowie Einzelhandel. Kurzarbeit ist kein Thema für uns. Unsere Mitarbeitenden arbeiten wie gewohnt und wir erwarten auch weiterhin einen stabilen Absatz“, erklärt beispielsweise Sibylle Trautmann, Sprecherin der hessischen Hassia-Gruppe.

Mit wachsender Sorge beobachtet die Branche aber das Horten von Getränke-Kisten. „Steigende Absätze im Handel sind oft nicht auf ein Mehr an Konsum zurückzuführen, sondern auf höhere Kistenstapel in vielen deutschen Kellern. Und das führt nicht nur irgendwann zu einer Nachfragedelle, es bindet auch Leergut langfristig, so dass dieses auf Dauer ein wesentlicher – wie passend – Flaschenhals für die fortgesetzte Produktion der Brauereien, aber auch der vielen anderen Getränkeproduzenten, werden dürfte“, erklärt Birte Kleppien, Sprecherin der Radeberger Gruppe gegenüber der Lebensmittel Praxis.

Längst wird schon offen über mögliche Maßnahmen diskutiert, wenn es hart auf hart kommt. So heißt ein Vorschlag vom Hersteller Franken Brunnen, dass man im Handel nur noch volle Flaschen herausgeben könne, wenn in gleicher Anzahl Leergut zurückgegeben wird.

Andere versuchen es noch mit einem Appell an die Vernunft der Verbraucher: „Schaut doch mal in der Küche, im Keller oder der Vorratskammer nach, ob ihr noch Leergut zu Hause habt und bringt es beim nächsten Lebensmitteleinkauf zurück in die Märkte“, lautet der Aufruf der Winkels-Gruppe in den Sozialen Medien.

„Mehrwegsysteme funktionieren nur, wenn das Leergut auch zurückgegeben wird“, warnt Ulrich Lössl, Geschäftsführer der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen Gesellschaft. Der Rücklauf von leeren Kisten sei derzeit wegen der wachsenden privaten Lagerhaltung sehr schleppend. „Wir bekommen aus dem Handel immer weniger Leergut zurück.“ Sollte sich die Situation nicht entschärfen, droht eine ähnliche Situation wie 2018, als aufgrund des besonders warmen Sommers und des sprunghaft angestiegenen Konsums, das System kurz vor dem Kollaps stand.

Nicht ganz einstimmen in diesen Chor möchte die Veltins-Brauerei, die das System für stabil hält: „Wir bewegen uns ja in einer saisonbedingt eher schwächeren Frühjahrsnachfrage – der Monat März entspricht dem unterdurchschnittlichen November-Niveau. Dementsprechend ist der Warenumschlag ohnehin deutlich geringer als in der Hochphase der Sommermonate, so dass die in den letzten Jahren auf die neu erlebten Sommerspitzen angepasste Leergutreserve absehbar ausreicht“, erklärt Veltins-Sprecher Ulrich Biene gegenüber diesem Magazin.

Branche zeigt sich solidarisch

Die Getränkeindustrie denkt in diesen schwierigen Zeiten aber nicht nur an sich selbst und zeigt sich solidarisch. So haben beispielsweise die Stiftungen der Carlsberg-Familie insgesamt 95 Millionen Dänische Kronen – rund 12,7 Millionen Euro – gespendet. „COVID-19 entwickelt sich gerade exponentiell, daher freuen wir uns, dass wir schnell eine Zusammenarbeit zwischen einer Reihe von weltweit führenden Forschern mobilisieren konnten, um zur Lösung der enormen Herausforderungen, vor denen wir stehen, beizutragen“, sagt der Vorsitzende der Carlsberg Foundation, Prof. Flemming Besenbacher.

Viele Hersteller von Spirituosen helfen zudem bei Engpässen von Desinfektionsmitteln aus indem sie Alkohol zur Verfügung stellen. Der Spirituosenhersteller Jägermeister aus Wolfenbüttel beispielsweise stellt dem Klinikum Braunschweig 50.000 Liter Alkohol zu Herstellung des Mittels zur Verfügung, wie die Klinik mitteilte. Berentzen prüft ebenfalls mögliche Lieferungen. Man denke darüber nach, Hersteller von Desinfektionsmitteln zu unterstützen oder selbst welches herzustellen, heißt es aus der Firma in Haselünne im Emsland. Das Kölner Unternehmen Klosterfrau Healthcare (früher Klosterfrau Melissengeist) will 100.000 Liter Desinfektionsmittel an das Land Nordrhein-Westfalen spenden und der französische Spirituosen-Hersteller Pernod Ricard hatte ebenfalls in der vergangenen Woche mitgeteilt, in der Corona-Krise einem Hersteller von Desinfektionsgels 70.000 Liter reinen Alkohol für die Produktion spenden zu wollen.