Nachhaltigkeit Definitionssache

Experten aus Handel, Industrie und Wissenschaft diskutierten über Nachhaltigkeitsstrategien und -management sowie den CO2-Fußabdruck.

Anzeige

Schon mal versucht, den Begriff Nachhaltigkeit und dessen Vielschichtigkeit in weniger als 30 Sekunden zu definieren? Wer jetzt mit dem gängigen Drei-Säulen-Modell anfängt oder gar mit der Herleitung des Begriffes aus der Forstwirtschaft beginnt, wird merken, dass die Zeit schon um ist, bevor er auch nur ansatzweise zum Punkt gekommen ist. Was Verbraucher unter Nachhaltigkeit verstehen, analysierte das Institut für Handelsforschung in Köln im vergangenen Jahr. Mehr als ein Drittel der Befragten assoziierten mehr als zehn verschiedene Aspekte mit dem Begriff Nachhaltigkeit. Darunter: Umweltfreundliches Handeln, ökologische Herstellung, soziales Engagement, energieeffiziente Gebäude sowie möglichst günstige Verbraucherpreise.
Wo beginne ich also als Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft mit meinem Nachhaltigkeits-Engagement? Wie kommuniziere ich dieses gegenüber dem Verbraucher? Trotz der anhaltenden und intensiven Diskussion rund um das Thema wurde im Rahmen der zweitägigen Tagung „Nachhaltiges Management – Sustainability, Supply Chain, Stakeholder" des Instituts für Nachhaltiges Management (ifnm) klar, dass die zentralen Fragen noch immer nicht geklärt sind. Zudem ist die Entwicklung der angestrebten Nachhaltigkeits-Standards und Zertifizierungskriterien für die Branche im Grunde unmöglich, wenn nicht einmal eine allgemeingültige Definition besteht.

Ein Versuch von Tegut: „Gut für mich, für dich, für unsere Zukunft". Diese Definition verstehe der Kunde, versicherte Guido Frölich, Bereich Qualität und Umwelt bei Tegut, und erläuterte, wie das Fuldaer Handelsunternehmen diese ausfüllt. Tegut verstehe es als seine Aufgabe, nachhaltige Produkte und Produktionsweisen zu fördern, aber auch die Sensibilität und Urteilsfähigkeit der Verbraucher zu stärken. Beispiele auf Sortimentsebene: Bis zu 3.000 Bio-Artikel bietet Tegut seinen Kunden je nach Größe des Marktes an. Unter dem „tegut... FAIRbindet"-Siegel finden Kunden fair gehandeltes Obst, Gemüse sowie Getränke. So stammt beispielsweise das komplette Eigenmarken-Bananensortiment aus einem eigenen Projekt in der Dominikanischen Republik, fair gehandelte Weine aus einem Projekt in Südafrika. Zahlreiche Produkte, darunter Molkereiprodukte, Tiefkühl-Geflügel, Eiernudeln und frische Eier unter dem Namen Tegut sowie das gesamte „LandPrimus"-Schweinefleisch-Programm tragen die Kennzeichnung „ohne Gentechnik". Beim Thema Regionalität sei man jedoch noch nicht da, wo man hin wolle, gab Frölich zu. Hier versuche man derzeit zu ermitteln, was genau die Tegut-Kunden unter regionalen Produkten verstehen. Ein weiterer Ansatz von Tegut: Das Unternehmen betreibt fünf Nachbarschaftsläden in kleinen Orten, in denen sich normalerweise kein Markt mehr rechnen würde. Ein Teil der Belegschaft stamme jeweils aus dem Ort und gehöre nicht einmal zu Tegut, verrät Frölich.

Aller Anfang ist schwer – vor allem beim Thema nachhaltiges Management: Das weiß auch Paul Daum, Bereichsleiter Nationales Qualitätsmanagement, Verbraucherschutz, ökologischer Landbau Kaiser's Tengelmann. „Wenn ich vor einem Buffet stehe und nicht weiß, was ich essen soll, dann fange ich mit kleinen Häppchen an", veranschaulichte er. Wenn man erst den Anfang mache, kämen nach und nach Mosaiksteinchen hinzu. Mittlerweile umfasst das Nachhaltigkeits-Engagement von Kaiser's Tengelmann zahlreiche Projekte, sowohl lokal als auch international, gesellschaftlich als auch auf Sortimentsebene. Beispiele sind neben dem Bio-Sortiment unter der Eigenmarke „Naturkind" vor allem die Regionalprojekte „Unser Land" – ein Projekt, an dem zehn Solidargemeinschaften in elf Landkreisen im Münchener Raum teilnehmen und konventionelle sowie Bio-Lebensmittel aus der Region liefern – sowie ein vergleichbares Projekt unter dem Markennamen „Von hier" in Berlin und Brandenburg. Seit der Gründung des ersten Projektes in München vor rund 18 Jahren sei die gentechnikfreie, heimische Fütterung von Tieren verankert, betonte Daum. So wurde die Entwicklung des gentechnikfreien Sojaanbaus, inzwischen auf 650 ha Ackerfläche, unterstützt. Der Verbraucher honoriere die Sicherheit. Auch das Thema CO2-Fußabdruck ist Kaiser's Tengelmann angegangen. Analysiert wurde der Wert für Bio-Eier von Naturkind. „Wir wissen jetzt, dass die meisten Emissionen bei der Aufzucht der Junghennen und im Legebetrieb, entstehen, gefolgt von der Produktnutzung durch den Endverbraucher."

Nachhaltigkeitslabel
Für die Endverbraucherkommunikation eignet sich die Auslobung des CO2-Fußabdrucks oder PCF (Product Carbon Footprint) als reiner Zahlenwert jedoch nicht. Das verdeutlichte Dr. Jenny Teufel vom Öko-Institut. Die Ermittlung des Fußabdrucks über den gesamten Lebenszyklus hinweg, d. h. von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung, sei sehr komplex, teilweise unmöglich. Dieses Fazit zog das Öko-Institut nach der Auswertung von rund 180 PCF- und Ökobilanz-Studien zu Lebensmitteln. Erste Herausforderungen ergeben sich durch häufig wechselnde Zulieferer oder saisonale und jährliche Schwankungen der Erträge, erklärte Teufel. Ein großes Problem stelle darüber hinaus die Schließung von Datenlücken dar, z. B. zu Landnutzungsänderungen. Zudem habe der Endverbraucher einen großen Einfluss auf den Wert. Beispiel Kaffee: Allein die Zubereitungsart hat einen Anteil von rund 28 Prozent am CO2-Gesamtwert. Werde eine Tasse Kaffee nicht mit einer Filtermaschine oder im French-Press-Verfahren sondern mit einem Vollautomaten zubereitet, erhöhe sich dieser Anteil auf knapp 60 Prozent, so Teufel. Nützlich sei die Ermittlung des CO2-Fußabdrucks dennoch. Es lasse sich erkennen, wo entlang der Wertschöpfungskette noch Einsparungspotenziale bestehen und welche Handlungsempfehlungen sich für den Verbraucher ergeben.

Ein Nachhaltigkeits-Label, das das Vertrauen der Verbraucher genieße und in vielen Kategorien noch enormes Wachstumspotenzial garantiere, sei das Fairtrade-Siegel, betonte TransFair-Geschäftsführer Dieter Overath. Er forderte vom deutschen Handel den Mut, auch mal komplette Produkt-Kategorien auf Fairtrade umzustellen. Beispiele aus britischen Handelsketten wie Sainsbury's zeigten, dass durch eine solche Umstellung etwa bei Bananen sogar Mehrumsatz generiert werden konnte.

Bildquelle


Röttig