Interview Prof. Dr. Ludwig Theuvsen Kaufanreiz Tierwohl

Tiergerecht erzeugte Lebensmittel aus Deutschland sollen bald unter einem Label vermarktet werden.

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Nachhaltigkeits-Engagement hat viele Facetten. Prof. Dr. Ludwig Theuvsen, seit 2002 Professor am Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung der Georg-August-Universität Göttingen, beschäftigt sich seit rund drei Jahren mit Nachhaltigkeit in der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft. Eines seiner Steckenpferde ist der Aspekt „Animal Welfare" – zu deutsch „Tierwohl". Gemeinsam mit Kollegen aus Wissenschaft sowie Vertretern aus Landwirtschaft, Tierschutzorganisationen, Schlachtung, Verarbeitung und Lebensmittel-Einzelhandel ist das Department dabei, ein Animal-Welfare-Label zu entwickeln. Unter den Partnern sind auch die Unternehmen Vion, kff Kurhessische Fleischwaren, Kaiser's Tengelmann sowie Edeka Minden-Hannover.

Herr Prof. Theuvsen, in der Schweiz und in den Niederlanden wird der Aspekt Tierwohl schon seit einiger Zeit aktiv angegangen, auch Label wurden bereits etabliert. Warum dauert es bei uns so lange?
Prof. Dr. Ludwig Theuvsen: Im Gegensatz zu den Schweizer Handelsunternehmen, die lange Zeit einen Qualitätswettbewerb geführt haben, sind wir die Erfinder des Preiswettbewerbs. Bei uns existiert keine besonders starke Tradition hinsichtlich der Verarbeitung qualitativ höchstwertiger Lebensmittel. Entsprechend schwierig ist die Voraussetzung für die Etablierung solcher höherpreisiger Marktsegmente. Das braucht Entwicklungszeit.

Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Verbraucher hier zu Lande ein, die sich tatsächlich für den Aspekt Tierwohl interessieren und diesen auch über den Aspekt Preis stellen?
Beim Thema Tierwohl ist es ähnlich wie bei anderen Themen: Es gibt in Deutschland eine relativ große Gruppe von Verbrauchern, etwa 60 Prozent, die im Wesentlichen preisorientiert einkauft und für andere Aspekte nur schwer bis gar nicht zu begeistern ist, mehr Geld auszugeben. Etwa 20 Prozent der Bundesbürger sind relativ sensibel gegenüber verschiedenen Themen. Hierzu zählt Animal Welfare ebenso wie Fairer Handel. Diese 20 Prozent sehe ich als Kernzielgruppe an. Die übrigen 20 Prozent der Verbraucher liegen dazwischen, können also als potenzielle Zielgruppe betrachtet werden.

Ziel Ihrer Initiative ist es, ein Tierwohl-Label für den deutschen Markt zu entwickeln...
Ja, unsere Zielvorstellung ist ein Label, das es Verbrauchern einfacher macht, tiergerecht erzeugte Lebensmittel zu erkennen. Ein Label ist ein einfaches Symbol, das Verbraucher auch im Supermarkt erkennen können. Verbraucher wollen keine Forschungsprojekte in Supermärkten durchführen. Sie wollen klar wiedererkennbare, vertrauenswürdige Symbole vorfinden. Bei einem Nachhaltigkeits-Label – das gilt für alle, egal ob Carbon Foot Print und ähnliches – ist Glaubwürdigkeit das A und O. Daher halten wir es für wichtig, alle wichtigen Wertschöpfungsstufen an Bord zu haben. Zudem haben wir wichtige Organisationen wie den Deutschen Tierschutzbund dabei, die uns mit Rat und Tat unterstützen.

Wie weit sind Sie mit dem Projekt?
Wir haben drei Arbeitsgruppen gegründet: in den Bereichen Mastgeflügel und Schweinefleisch sowie eine dritte Gruppe, die sich um die Abstimmung der beiden anderen Arbeitsgruppen und die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Milch und Rindfleisch sind dagegen unter Tierwohl-Aspekten wohl das unproblematischste Feld der konventionellen Landwirtschaft. Milchkühe sind sehr sensibel. Wenn sie sich nicht wohl fühlen, geben sie weniger Milch. Daher sind die Landwirte hier immer motiviert. Bis zum Sommer werden wir erste Vorschläge erarbeitet haben. Dann gehen wir in die Diskussion. Bis zur Implementierung wird es aber noch etwas dauern. Wir lassen uns lieber etwas Zeit, um es dann auch richtig zu machen. Denn wir brauchen vor allem einen Ansatz, der auf den Betrieben umsetzbar und glaubwürdig ist. Zudem muss natürlich die Rechnung für alle Beteiligten aufgehen, denn wir sprechen ja auch immer von dem Aspekt der ökonomischen Nachhaltigkeit.

Vor allem für die Landwirte ist eine Umstellung beispielsweise der Haltungsbedingungen mit erheblichen Mehrkosten verbunden. Wie sollen die Produkte preislich positioniert werden?
Mehrkosten fallen entlang der Kette auch jenseits der Landwirtschaft an. Bei Bio-Produkten haben wir ja die Erfahrung, dass 1 Euro bei den Landwirten 5 Euro Mehrkosten für den Verbraucher sind. Zum einen sind die Logistikkosten höher, die Umschlagsgeschwindigkeit aber niedriger, wodurch der Verderb ansteigt. Dann haben wir im Moment gerade bei Bio-Fleisch das Problem, dass wir nur die Edelteile als Bio vermarkten können. Der Rest des Schweins geht aber in konventionelle Produkte. Also müssen die Mehrkosten für Produktion, Logistik und Verarbeitung müssen von ganz wenigen Teilen getragen werden. Für den Bereich Tierwohl möchten wir ein Mittelpreissegment kreieren, das zwischen der konventionellen Ware und der jetzigen – bei Fleisch viel zu teuren – Bio-Ware liegt. Der Aufschlag sollte bei 20 bis 30 Prozent gegenüber konventionellen Produkten liegen, nicht bei 100 Prozent oder mehr wie dies bei Bio-Fleischwaren derzeit üblich ist.

Wenn wir Bio und Fairtrade betrachten, dann haben diese Warengruppen nach wie vor einen sehr kleinen Anteil an den Food-Umsätzen. Was ist für Produkte drin, die unter dem Aspekt Tierwohl hergestellt werden?
Auch wenn wir von einer Kernzielgruppe von 20 Prozent der Verbraucher ausgehen, ist natürlich ein Marktanteil in gleicher Höhe unrealistisch. Genau wie bei Bio und Fairtrade werden die Heavy User, also jene, die ausschließlich zu den Produkten greifen, nur einen kleinen Prozentsatz ausmachen.

Bio wird vom Verbraucher meist automatisch mit Tierwohl gleichgesetzt. Wird eine Bio-Zertifizierung ein Kriterium für das Label sein?
Nein. Tierwohl ist nicht mit einem bestimmten Haltungssystem zu assoziieren, sondern ist im Wesentlichen festzumachen am Tierverhalten und der Tiergesundheit. Bei Bio sind bestimmte Voraussetzungen integriert, wie die Freilandhaltung. Andere Aspekte wie Tiergesundheit hingegen sind es nicht. Somit bringt die Bio-Produktion tendenziell bessere Voraussetzungen für Tierwohl mit als die konventionelle, aber es gibt auch Bio-Betriebe, die nicht ohne weiteres ein Tierwohl-Label erhalten würden. Umgekehrt darf man konventionelle Produktion nicht automatisch mit niedrigen Tierwohlstandards gleichsetzen. Beim Thema Tiergesundheit haben Bio-Betriebe gelegentlich auch Nachteile, da sie z. B. vom Medikamenteneinsatz limitierter sind.

Sie führen gerade eine Untersuchung zum Status quo der deutschen Ernährungsbranche in Sachen Nachhaltigkeit durch. Können Sie hierzu schon etwas sagen?
Die Branche ist nicht unbedingt Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Das liegt vor allem an den Strukturen. Die Branche ist stark durch kleine und mittelständische Unternehmen geprägt. Für diese ist es immer schwierig, diese Dinge anzugehen. Um so wichtiger ist die Rolle von Leitunternehmen, die vorangehen.

Welchen Bereichen wird vielleicht noch zu wenig Beachtung geschenkt in der Nachhaltigkeitsdiskussion?
Ich glaube, dass fast alle Bereiche andiskutiert werden. Häufig mangelt es aber in der Abstimmung. Es gibt eine Klimaschutzbewegung, die sich ganz auf Carbon Footprint konzentriert, es gibt eine Tierwohlbewegung etc. Was nachher jedoch offen bleibt, ist die Lösung, wie wir dies alles an den Endverbraucher kommunizieren wollen. Auch die Thematisierung von Zielkonflikten wurde, bedingt durch die verschiedenen Einzelinitiativen, noch nicht angegangen. Wenn man wirklich Nachhaltigkeits-Labelling betreibt, kommen Fragen hoch wie: Was ist besser: Ein intensiver produziertes Gemüse aus Deutschland oder ein extensives Gemüse, das importiert wird? Solche Fragen müssen wir in Zukunft stärker angehen.

Fachtagung Nachhaltiges Management

Das Thema Animal Welfare sowie Nachhaltigkeitsaspekte entlang der gesamten Wertschöpfungskette diskutieren Experten aus Handel, Industrie und Wissenschaft im Rahmen der zweitägigen Fachtagung „Nachhaltiges Management – Sustainability, Supply Chain, Stakeholder" des Instituts für Nachhaltiges Management (ifnm). Die Tagung findet vom 11. bis 12. Mai 2011 im Ameron Hotel Königshof, Bonn, statt.
Weitere Informationen sowie das Anmeldeformular finden Sie online unter http://www.ifnm.net. Die Tagungsgebühr beträgt 695 Euro pro Person (ermäßigt 595 Euro).

Bildquelle

Röttig