Logistik Vorfahrt für die Schiene

Die EU-Kommission in Brüssel schmiedet an Plänen, die Güterverkehrsnetze komplett neu zu strukturieren. Und die Konsumgüterindustrie arbeitet schon jetzt an europaweiten Kooperationsmodellen, um Energie- und Transportkosten zu senken.

Donnerstag, 12. Januar 2012 - Hersteller
Udo Mett
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Insbesondere Konsumgüterhersteller müssen sich schon jetzt darauf einstellen, dass in der Transport-Logistik über kurz oder lang gesetzliche Vorgaben zu erfüllen sind. Bildquelle Kraft Foods
Bildquelle: Kraft Foods

Was Konsumgüterhersteller in Kooperation mit dem Handel zu erreichen versuchen, beschäftigt seit Langem auch die EU-Kommission, nämlich die Reduzierung des Energieverbrauchs bzw. der CO2-Emissionen in der Logistik. Das im vergangenen Jahr in Brüssel vorgelegte Weißbuch „Verkehr 2050“ bewertet der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) dennoch als „naiven Wunschzettel“. Die Kommission selbst bezeichnet ihre Vorgaben zur Mobilitätssteigerung und Emissionsminderung als „ehrgeizig“. Die Pläne der Brüsseler Eurokraten sehen vor, innerhalb der kommenden 20 Jahre mindestens 30 Prozent des Straßengüterverkehrs in Europa im Bereich der mittleren Distanzen, hiermit sind Strecken ab 300 km gemeint, auf das Schienen- und Wasserstraßennetz zu verlagern. Bis zum Jahr 2050 soll diese Quote dann auf mindestens 50 Prozent gesteigert werden. Der BGL kritisiert, dass die EU „die Öffentlichkeit bewusst über die gewaltigen Belastungen d er Weißbuchstrategie im Unklaren“ lasse. Allein die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene erfordere einen enormen Ausbau des Schienengüterverkehrs: „Das bestehende Netz in Deutschland müsste unter Berücksichtigung des von der EU erwarteten Wachstums in etwa verfünffacht werden. Und der Kombinierte Verkehr müsste auf das Acht- bis Zehnfache des heutigen Volumens steigen.“ Insofern sei die vorgesehene Verlagerung des Güterverkehrs von einem gigantischen Investitionsprogramm abhängig, das von kaum einem EU-Land aufgebracht werden könne. Völlig unberücksichtigt seien in den EU-Plänen außerdem die hohen volkswirtschaftlichen Kosten des Schienenverkehrs. Der BGL verweist auf unabhängige Wegekostenrechnungen für Deutschland, die belegten, dass der Bau und der Betrieb eines Netzkilometers Schiene volkswirtschaftlich gesehen viermal teurer sei als ein Netzkilometer Straße.

Auch wenn die Logistik-Branche das EU-Verkehrsweißbuch scharf kritisiert, müssen sich insbesondere Konsumgüterhersteller schon jetzt darauf einstellen, dass in der Transport-Logistik über kurz oder lang gesetzliche Vorgaben zu erfüllen sind. Vor dem Hintergrund dieses möglichen Szenarios und um möglichem Gesetzeszwang zuvorzukommen, haben sich im vergangenen Jahr führende Konsumgüterhersteller zur „Multimodalen Transport Sharing Initiative“ (TSI) zusammengefunden. In Anlehnung an die Nachhaltigkeitsziele der Future Value Chain (FVC) 2020 Studie des Consumer Goods Forums steht bei dem europaweiten Kooperationsprojekt die Einsparung von Energie und damit die Reduzierung von CO2-Emissionen im Mittelpunkt. Letztlich geht es aber auch darum, die Transportketten für Konsumgüter vom Hersteller bis zum Handel effektiver, sprich kostengünstiger zu gestalten. Erreicht werden soll dies im Kern durch die Bündelung von Transporten im Hauptlauf (von Umschlagplatz zu Umschlagplatz) und die damit verbundene primäre Nutzung von Schienen- und Wasserwegen. Wirtschaftlich machbar wird dies durch unternehmensübergreifende Kooperation nach dem Prinzip „Der Wettbewerb findet im Regal statt und nicht auf der Strecke dorthin“. Wichtig ist dafür der gemeinsame Zugriff auf alle für die Supply Chain erforderlichen Informationen.

Erste Versuchstransporte mit Containern von Großbritannien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Deutschland in Richtung Osteuropa (Polen, Ungarn, Österreich) im vergangenen Jahr erbrachten sehr zufrieden stellende Ergebnisse. So konnten die Kohlendioxid--Emissionen um bis zu 46 Prozent gesenkt werden. Gleichzeitig wurden die Ladekapazitäten der Lkw, die nur noch im Vor- und Nachlauf (jeweils maximal 125 km Entfernung zu den Hauptumschlagplätzen, z. B. Container-Bahnhöfe und Häfen) eingesetzt werden, optimaler ausgenutzt (um 2 bis 4 t je Lkw). Und nur in Einzelfällen war die Ladung über den gesamten Transportweg länger unterwegs als bei sonst üblichen Direkttransporten. Der multimodale Transportweg, z. B. Straße-Schiene-Straße, profitiert maßgeblich davon, dass es im Hauptlauf auf Schienen- und Wasserwegen in der Regel keine zeitlichen Einschränkungen gibt, wie z. B. das Sonntags- und Feiertagsfahrverbot auf Straßen und Autobahnen. „Diese Ergeb nisse haben die beteiligten Unternehmen überzeugt, weiterzumachen und als nächsten Schritt in die Pilotphase zu gehen“, freut sich Dr. Christoph Windheuser, Logistik- und Handels-Experte bei der Capgemini Deutschland GmbH, die die Initiative begleitet und moderiert (siehe Interview). Beteiligt an den ersten Versuchen waren u. a. die Konsumgüterhersteller Bacardi, Colgate-Palmolive, Kraft Foods, Nestlé und SC Johnson und zudem der britische Lebensmittelhändler Tesco. Auf der Liste der potenziellen weiteren Kooperationspartner stehen Größen wie Beiersdorf, Danone, Freudenberg, Mars, L’Oréal, Sara Lee, SCA und Unilever.

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Bild öffnen Dr. Christoph Windheuser. Bildquelle Oliver Schmauch