Markenartikler trifft Hochschule Praxis kommt zu kurz

Die Bachelor-Studiengänge lassen wenig Zeit für Praxisnähe. Universitäten, Studenten und Unternehmen sind gefordert.

Donnerstag, 06. Oktober 2011 - Hersteller
Dieter Druck
Artikelbild Praxis kommt zu kurz

„Im Prüfungsjahr 2010 (Wintersemester 2009/2010 und Sommersemester 2010) erwarben 31 Prozent der insgesamt rund 361.700 Absolventinnen und Absolventen an den Hochschulen einen Bachelorabschluss. Damit lag der Anteil der Bachelorabschlüsse erstmals über den traditionellen universitären Abschlüssen, die 2010 einen Anteil von 29 Prozent erreichten.“ Zunächst nur eine nüchterne Zahl, die aber mit den qualitativen Aspekten der Ausbildung und vor allem mit dem Praxisbezug eng verknüpft ist. Und das wiederum betrifft jene Firmen, die junge qualifizierte Studierende und Absolventen an ihre Unternehmen binden möchten. Das erfährt auch Professor Hendrik Schröder vom Lehrstuhl für Marketing & Handel an der Universität Duisburg-Essen in seinen Gesprächen mit Handel und Markenartiklern der Nahrungsmittelbranche. Bei Absolventen der Bachelor-Studiengänge werde oftmals mangelnde Praxiserfahrung moniert, was wiederum die Chancen beim Karriereeinstieg mindere.

Was hat sich mit der Umstellung auf Bachelorstudiengänge geändert? Entfernt sich Ausbildung wirklich weiter von der Praxis?
Prof. Hendrik Schröder: Es ist klar zu sehen, dass das Bachelorstudium im Vergleich zum Diplomstudium kaum noch Raum und Zeit für inhaltliche Vertiefungen zulässt. Es fällt schwer, Branchenspezifika und bestimmte Themen zu vermitteln. Das Ganze geht in die Richtung einer flachen Breite, was nicht das Ziel einer qualifizierten Universitätsausbildung sein kann. Parallel dazu sehen wir den schwindenden Bezug zur Praxis.

Ist das ein reines Zeitproblem? Sechs Semester sind knapp.
Unter den Studierenden herrscht offenbar die Losung: Studiere so schnell wie möglich! Woher diese Maßgabe kommt, ist mir nicht klar. Natürlich befürworte ich es, schnell zu studieren. Dabei sollte aber auch Zeit vorhanden sein, um Erfahrungen in der Praxis, in der universitären Selbstverwaltung oder bei einem sozialen Engagement zu sammeln. Sicherlich sind neun Semester Regelstudienzeit beim BWL-Diplom verbunden mit durchschnittlich einem Jahr Praxiserfahrung in Form von Praktika oder Projekten eine andere Größe. Aber es besteht ja im Rahmen eines Bachelorstudiums die Option, Praxis zu bekommen.

Aber besteht überhaupt diese Bereitschaft auf Seite der Studierenden und hat das Konsequenzen für ihren weiteren Werdegang?
Das Interesse, über das Studium hinaus praktische Ansätze einzubringen, ist auf der Strecke geblieben. Es besteht wohl die Sorge, dass die Einhaltung von sechs Semestern Studienzeit eine wesentliche Einstellungsvoraussetzung bei den Unternehmen sei bzw. ein Überschreiten die Chancen mindere.

Ist das der Fall?
Im Gegenteil. Ich vertrete die Position, lieber ein bis zwei Semester länger zu studieren und dabei praktische Erfahrungen zu sammeln. Das ergibt in der Summe ein besseres Profil und bessere Einstellungschancen zum Karrierestart. Und noch mal sei gesagt: Es gibt keine Stelle oder Institution, die eine Studienzeit von sechs oder sieben Semestern zwingend vorgibt. Das Hauptproblem ist eher die Vorgabe der Workload. Kurze Erklärung: In Deutschland sollen die Studierenden in der Regel pro Jahr 60 Credits erwerben. Bei einer Workload von 30 Stunden pro Credit und einer 39-Stundenwoche entspricht dies einer Arbeitszeit von rund 46 Wochen. Wenn ein Praktikum nicht Bestandteil des Studiums ist, es dafür also keine Credits gibt, müssen sich die Studierenden die „Freizeit“ dafür selbst schaffen.

Bestehen auch bei den künftigen Arbeitgebern Informationsdefizite, was diesen Ausbildungsweg angeht?
Die bestehen zum Teil noch, insbesondere bei kleineren und mittleren Unternehmen. Auch sie müssen sich auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellen. Die Länder empfehlen daher den Hochschulen nachdrücklich, Studieninhalte und zu erwerbende Kompetenzen mit möglichen künftigen Arbeitgebern zu diskutieren.

Diskutieren ist die eine Sache. Aber können sich interessierte Unternehmen überhaupt einbringen?
Es ergeben sich verschiedene Ansatzpunkte, die wir auch verfolgen. Wir sehen die Verknüpfung von Studium und praktischer Arbeit als essenziell für die Ausbildung an. Dabei steht zunächst einmal das Praktikum im Vordergrund. Viele Unternehmen bieten den Studierenden die Möglichkeit zu einem ersten Kontakt, der auch zum Einstieg in die berufliche Karriere werden kann. Allerdings sollte man sich im Klaren darüber sein, dass sich die Unternehmen eher einen etwas längeren Zeitrahmen wünschen. Dies begründen die Firmen damit, dass sie die Studierenden zunächst in bestimmten Techniken und Methoden schulen, wie z.B. beim Category Management, und bei Praktika im Ausland sollte man die Eingewöhnungsphase einrechnen.

Sie arbeiten seit Jahren sehr eng mit Handelsunternehmen und Herstellern zusammen. Bekommt die Projektarbeit vor dem geschilderten Hintergrund ein stärkeres Gewicht?
Projektarbeit heißt immer, dass die Firmen ein bestimmtes Problem innerhalb einer vorgegebenen Zeit mit bestimmten Methoden lösen lassen. Besser kann man Praxis mit Studium kaum verbinden. Die Studierenden können Gelerntes einsetzen oder lernen die notwenigen Techniken in der Projektarbeit. Sie erarbeiten Lösungen und präsentieren diese den Unternehmen. Das Ganze ist sehr problemorientiert und behandelt alle Facetten von B2B und B2C entlang der Wertschöpfungskette.

Eine Art B2B-Verbindung ist es auch, wenn Vertreter von den Firmen als Dozenten in den Lehrbetrieb eingebunden werden.
Ja, auch diesen Ansatz verfolge ich in Essen seit Jahren sehr intensiv. Es ist wichtig, dass die Studierenden im Hörsaal erleben, welche Erfahrungen ihnen die Praktiker mitteilen, welche Anforderungen sie aus der Sicht der Praxis formulieren und welche Tipps sie geben. Solange diese Veranstaltungen Teil des Curriculums sind, ist es gut. Das setzt aber voraus, dass sich die Praktiker verpflichten, ihre Veranstaltungen regelmäßig abzuhalten. Alle Angebote außerhalb des Curriculums stoßen bei den Studierenden oft auf geringe Resonanz: Keine Credits, kein Interesse. Wir sind also aufgerufen, über die Workload nachzudenken, über die Einbindung von Praktika und Projekten in die Curricula und über die Einbeziehung von Praktikern in die Ausbildung. Für Essen kann ich sagen, dass wir da auf einem sehr guten Weg sind.