Wanzl Mehr als Rohr und Draht

Stuhl auf Rädern plus Korb? Das war die Idee für moderne Einkaufswagen. Der wirklich erste Einkaufswagen in Deutschland war eigentlich keiner.

Donnerstag, 25. August 2011 - Hersteller
Reiner Mihr
Artikelbild Mehr als Rohr und Draht
Bildquelle: Mugrauer

Sondern eher ein fahrbares Gestell, in das zwei Körbe übereinander eingehängt wurden. Wie so vieles kam die Idee dazu eigentlich aus den USA. Dort hatte schon 1937 Kaufmann Sylvan Goldman in seinen Läden in Oklahoma City den Kunden ein solches Gestell zum leichteren Einkauf angeboten. 1940 meldete er das Ganze zum Patent an. Auch Rudolf Wanzl hatte seine Idee eines „Stuhls auf Rädern mit Korb“ Anfang der 50er-Jahre aus den USA mitgebracht, wo er Mr. Goldman kennengelernt hatte. Dass aus dieser Idee ein global agierendes Unternehmen werden würde, hatte er damals sicher noch nicht im Sinn.

Seit mehr als 60 Jahren gibt es also Einkaufswagen in Deutschland und diese haben sich in ihrer ursprünglichen Form kaum verändert – Rollen, Tragegestell, Korb. Den Spezialisten bei Wanzl in Leipheim würde dazu allerdings allerhand einfallen: Unzählige Varianten werden in den Wanzl-Produktionsstätten gefertigt – für das noble Innenstadtkaufhaus genauso wie für den Discounter oder den vollsortierten Supermarkt. Nicht nur, dass es verschiedene Serien gibt (City Shopper, Sinus, Light, DRC, EL, ELX und natürlich Tango), sie gibt es in der Regel auch in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Und dann natürlich stets individuell auf den Handels-Kunden zugeschnitten.

Heute produziert das Leipheimer Unternehmen bis zu 2 Mio. Einkaufswagen pro Jahr. In den sieben Werken in vier Ländern (Deutschland, Frankreich, Tschechien, China) werden dafür 70.000 t Stahl verarbeitet. Die Fertigungstiefe beträgt ziemlich genau 95 Prozent, das heißt: Fast alles am Einkaufswagen wird selbst gefertigt. Der Teufel steckt im Detail.

Draht biegen können wahrscheinlich viele: Aber eine Einkaufswagenrolle zum Beispiel ist ein komplexes Gebilde. Schließlich muss sie enorme Belastungen aushalten und unglaubliche Fahrstrecken überstehen. Die originale Wanzl-Rolle hat dabei doppelt abgedichtete Kugellager, robuste Laufflächen und ist auch noch lenk- und lauffreudig. Und das Ganze absolut wartungsfrei.

„Diese Rollen konnte uns bisher kein Rollenhersteller zuverlässig liefern, deshalb haben wir das selbst entwickelt“, sagt Jens Ulbrich, der Geschäftsbereichsleiter SB-Systeme bei der Wanzl Metallwarenfabrik. Und längst wurde die „Ur-Rolle“ weiterentwickelt. Besonders laufruhige Rollen beispielsweise oder die Fahrsteigrollen (jeder, der schon mal am Frankfurter Flughafen mit Gepäckwagen die Rolltreppe runter musste, wird dafür dankbar sein, dass sie funktionieren!). 8 bis 10 Mio. Rollen stellt Wanzl im Jahr her.

Oder das eigentlich wichtigste Teil am Wagen: der Griff. Der muss in seiner Haptik genauso ansprechend sein wie in der Farbe. Etwa 2 Mio. Stück gießt Wanzl hiervon im Jahr.

Und die Oberflächen der eingesetzten Materialien werden speziell veredelt. Eigens entwickelte Beschichtungen erhöhen Haltbarkeit und Glanz. Für die Langlebigkeit der Wanzl-Einkaufswagen sind diese speziellen Beschichtungen entscheidend. So hält ein Wanzl-Einkaufswagen im Durchschnitt 10 bis 15 Jahre durch und fährt dabei einmal zum Mond. Nicht wirklich, aber diese Strecke – nämlich 360.000 km – legt er immerhin in dieser Zeit zurück.

In Spitzenzeiten verlassen bis 50.000 Wagen pro Woche das Werk. Die Produktion ist hoch automatisiert, dennoch ist der Mensch an vielen Stellen unverzichtbar. Handelskunden setzten immer mehr auf Individualität – schließlich ist der Einkaufswagen ein Kundenbindungsinstrument.