Anzeige

Eierknappheit Die Eierkrise

Susanne Klopsch | 08. November 2017
Eierknappheit: Die Eierkrise

Bildquelle: Getty Images

In Europa werden die Eier knapp. Teuer sind sie eh schon als Folge des Fipronil-Skandals. Wie reagieren Unternehmen, die den Rohstoff dringend für ihre Produktion brauchen? Wir haben uns umgehört.

Anzeige

12 Mrd. Eier wurden im vergangenen Jahr in Deutschland produziert, 1,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Ein Drittel davon wurde zu Eiprodukten verarbeitet. Doch Deutschland kann seinen Eigenbedarf nur zu 70 Prozent decken. Importe unter anderem aus den Niederlanden schlossen bislang Versorgungslücken. Bis zum Sommer 2017. Bis zum Fipronil-Skandal. Gesperrte Legehennenbetriebe, getötete Bestände – der Nachschub stockte rasch. Und stockt weiterhin. Denn es dauert, bis Ställe gereinigt und betriebsbereit sind, es dauert einige Wochen, bis junge Hühner wieder Eier legen. Die Folge: Die Preise für Eier sind durch die Decke gegangen, in Europa werden Eier knapp. Das betrifft nicht nur die backende Branche. Eibestandteile finden sich in Nudeln, vegetarischen Fleischprodukten oder im Likör.

Selbst Fachleute unterschätzten anfangs das Thema Fipronil. Nicht so Kuchenmeister, wie Oliver Lahode sagt, Geschäftsleitung Marketing und Vertrieb. Das Unternehmen verarbeitet im Jahr für Frischeiwaffeln, Tortenböden, Rührkuchen usw. nach eigenen Angaben „gigantische Mengen Flüssigei“ aus Bodenhaltung. Kuchenmeister gehöre damit zu den größten Eiverarbeitern in Deutschland. Für das Unternehmen ist die Lage ernst: „Ohne Eier haben wir keine Chance“, sagt Lahode.

Rund ums Ei
  • 12 Mrd. Eier wurden 2016 in Deutschland produziert (1,5 Prozent mehr als 2015).
  • 63,2 Prozent (7,6 Mrd. Eier) stammen aus Bodenhaltung.
  • Die Zahl der Hennenhaltungsplätze stieg auf 47,9 Mio. (etwa 1,2 Prozent mehr als 2015).
  • 4,2 Mio. Tiere stammen aus ökologischer Erzeugung, ein Plus von 11,7 Prozent.
  • In Freilandhaltung lebten 7,4 Mio. Tiere (plus 4,5 Prozent).
  • Auf 3,4 Mio. Legehennen sank die Zahl der Tiere, die in Kleingruppenhaltung oder ausgestalteten Käfigen lebten (minus 17,3 Prozent).

Der Run auf den Markt ist groß: „Aus den Niederlanden kommt nun erheblich weniger Ei, genauso wie aus weiteren angrenzenden Ländern. Letztlich greifen unsere Nachbarn, die uns teilweise vorher beliefert haben, nun auch auf den verknappten Markt Deutschland zurück“, beschreibt der Manager die Lage. Kuchenmeister verbackt seit langer Zeit Eier aus Bodenhaltung: „Der Markt ist derzeit leergefegt“, sagte Lahode. „Eier aus Kleingruppenhaltung nähern sich gerade preislich den Bodenhaltungseiern an.“ Wie lange diese überhaupt noch verfügbar sind, dazu wagt Lahode keine Prognose.

Zulieferer haben derzeit Probleme, ihre Kontrakte zu erfüllen. „Die dort vereinbarten Mengen sind für sie momentan schwer zu stemmen“, sagt Lahode. Die Folge: Bei Kuchenmeister wird in den nächsten Wochen der Rohstoff Ei knapp. Dennoch sei partnerschaftliches Handeln gefordert, die Geschäftsaufgabe mangels liquider Mittel auf Seiten der eiverarbeitenden Betriebe kann nicht das Ziel sein, sagt Lahode. Zumal das Ausrufen der „Force Majeure“, also höhere Gewalt, das Aushebeln der bestehenden Lieferverträge zur Folge hätte.

Hat Kuchenmeister weniger Eier zur Verfügung, dann kann auch weniger gebacken werden. Die Bestellmengen werden in den nächsten Wochen für den Handel reduziert werden müssen, „wenn nicht ein kleines Wunder geschieht“, wie es Lahode ausdrückt. Das Unternehmen finde derzeit aber in vielen Handelshäusern offene Ohren, wenn es um die Problematik geht. „Partnerschaftlich ein Problem lösen, das alle betrifft“, beschreibt er die Stimmung, „in Zeiten wie diesen muss enger zusammengerückt werden“

Fipronil-Fakten
  • Fipronil ist ein Breitspektrum- Insektizid. Es wird u. a. gegen Flöhe, Zecken, Läuse und Milben eingesetzt.
  • Fipronil darf nicht an lebenmittelliefernden Tieren (Nutztiere) eingesetzt werden. Der Stoff wurde illegalerweise einem Reinigungsmittel beigemischt, das ein Geflügelzüchter in seinem Stall einsetzte.
  • Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) ist derzeit nicht von einer gesundheitlichen Gefährdung beim Verzehr von fipronilhaltigen Lebensmitteln auszugehen. Ein Erwachsener (65 kg schwer) könnte theoretisch 7 Eier an LP 18/2017 55 einem Tag essen, ohne gesundheitliche Richtwerte zu erreichen.
  • Nach einer vorläufigen Bewertung geht das BfR davon aus, dass auch bei längerfristigem Verzehr belasteter Lebensmittel eine gesundheitliche Beeinträchtigung unwahrscheinlich sei. Quelle: www.bfr.bund.de

Lahode schätzt, dass noch in jedem Fall bis Ostern, sprich im ersten Quartal 2018, die Eier sowohl knapp als auch teuer bleiben. Die Zeit vor Ostern ist nun mal sehr „ei-intensiv“, die Einstallungen beim Züchter brauchen zudem noch einige Zeit. Bei den Lieferkontrakten für 2018 sind auf jeden Fall höhere Preise eingeplant.

Für Markus Tress, Geschäftsführer der Franz Tress GmbH, hat sich die durch Fipronil ausgelöste Krise nicht zu einem Problem entwickelt. Sein Unternehmen auf der schwäbischen Alb verarbeitet täglich 250.000 Eier aus artgerechter Haltung, etwa für Spätzle, Bandnudeln oder Knöpfle. „Uns schützt, dass wir selbst die Eier frisch aufschlagen“, erklärt der Sohn des Firmengründers, der in zweiter Generation als Inhaber und Geschäftsführer die Tradition fortsetzt. Alle Rohwaren werden vor Ort von Lebensmittelchemikern untersucht. Schon seit Jahrzehnten liefern ausschließlich zwei bayerische Lieferanten die benötigten Eier. Diese Ställe waren nicht von der Verunreinigung betroffen, Tress war demnach auf der sicheren Seite. Markus Tress: „Das hat uns in unserem Prinzip bestärkt, auf Vertragslieferanten zu setzen.“

Von der Rohstoffknappheit ist derzeit auch Rügenwalder nicht betroffen: „Aufgrund der guten und langjährigen Zusammenarbeit mit unserem Lieferanten und durch die Sicherung über Verträge gibt es für uns aktuell keine Lieferengpässe“, beschreibt Thomas Spille, Gesamtleiter Einkauf. Das Unternehmen bezieht das für die Produktion der Veggie-Produkte wichtige Eiklar von einem Lieferanten, der hauptsächlich Eier aus eigenen Ställen in Deutschland nutze. „Von diesem Lieferanten liegen uns schriftliche Bestätigungen vor, dass die Eier für unsere Produkte aus nicht-verdächtigen, kontrollierten Betrieben stammen“, sagt Spille. „Aus aktuellem Anlass haben wir die entsprechenden Analysewerte für die von uns verwendeten Ei-Artikel erhalten. Zusätzlich hat unser Lieferant angekündigt, dass vorerst alle Chargen auf Fipronil getestet werden und nur im Falle eines Negativ-Befundes an uns geliefert werden.“ Unabhängig davon arbeite Rügenwalder aber laufend daran, den Ei-Anteil in den vegetarischen Produkten weiter zu senken.