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Eosta Obst statt Big Pharma

Bettina Röttig | 22. September 2017
Eosta: Obst statt Big Pharma

Bildquelle: Eosta

Die Lebensmittelerzeugung hat Folgen für Umwelt, Klima und Gesundheit. Erstmals wurden die versteckten Kosten der Auswirkungen berechnet. Eosta hat die Vollkostenrechnung gewagt.

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„Kaufe biologische Äpfel und erspare dir 27 Krankheitstage“. Mit diesem und anderen Slogans wirbt Eosta (Marke Nature & More) in den Obst- und Gemüseabteilungen des Bio-Handels für die richtige Bewertung von Öko-Produkten im Vergleich zu konventionellen. Wie der niederländische Bio-Spezialist diese „dreiste“ Behauptung aufstellen kann? Ganz einfach: Die Zahl stammt aus einer Pilotstudie zur Berechnung der „wahren Kosten“ der Lebensmittelerzeugung („True Cost Accounting for Food, Farm and Finance“), an der Eosta teilgenommen hat.

Die Pilotstudie untersucht und bepreist die Auswirkungen des Anbaus von Obst und Gemüse, z. B. Äpfeln in Argentinien, Karotten in den Niederlanden und Avocados in Kenia – je bio und konventionell erzeugt – im Hinblick auf Wasserverschmutzung, Bodenerosion, Pestizidbelastung und Treibhausgasemissionen. Kosten, die bisher nicht in Verbraucherpreise einfließen. Die Studie enthält zudem eine integrierte Gewinn- und Verlustrechnung für das Unternehmen Eosta. Volkert Engelsman, Gründer und CEO von Eosta, erklärt im Interview, was er sich von dem Projekt verspricht.

Welches Ziel verfolgen Sie mit der Teilnahme an der TCA-Pilotstudie?
Volkert Engelsmann: Seit der Gründung von Eosta streben wir nach voller Transparenz innerhalb der Lebensmittelwirtschaft, denn nur so ist ein fairer Wettbewerb möglich. Solange sich jedoch die volkswirtschaftlichen Kosten der Lebensmittelerzeugung nicht im Preis niederschlagen, rechnen wir falsch. Darauf haben wir immer wieder hingewiesen. Die Studie zeigt nun schwarz auf weiß, dass Bio nicht zu teuer ist, sondern konventionell zu günstig. Gemeinsam mit den großen Wirtschaftsprüfern von Ernst & Young, der Triodos Bank und den übrigen Beteiligten ist es gelungen, ein integriertes Dashboard zu schaffen, um die gesellschaftlichen Kosten, die normalerweise externalisiert werden, sichtbar zu machen. Und zwar für einzelne Produkte, für Erzeuger und Konzerne. Ziel ist, dass die wahren Kosten der Lebensmittelerzeugung in die Gewinn- und Verlustrechnung sowie in die Bilanzsumme der Unternehmen aufgenommen werden. Unternehmen sollen so ihre Auswirkungen auf die Welt messen und berechnen können – und Rechenschaft darüber ablegen.


Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse aus der Studie?
Es wurde ein pragmatischer Ansatz gewählt. Die Berechnung bezieht sich auf die 20 Prozent der Leistungsindikatoren, die 80 Prozent der Auswirkungen – sowohl positiv als auch negativ – in der Lebensmittelproduktion ausmachen. Was deutlich auffiel, war die Bedeutung des Faktors Gesundheit. Oft wird darüber gestritten, ob Bio-Produkte gesünder sind als konventionelle. Die Pilotstudie zeigt z. B., wie hoch der Gesundheitsschaden durch Pestizide für Konsumenten ist, bzw. welche Kosten unserem Gesundheitssystem erspart bleiben, wenn Verbraucher zu Bio-Obst statt konventionellem greifen. Bei Bio-Äpfeln von Eosta lagen die Gesundheits-Kosten um 0,19 Cent pro kg unter denen für herkömmliche Äpfel aus der gleichen Region.

Welche Daten liegen der Berechnung zugrunde?
Die Efsa dokumentiert die Überschreitungen der zulässigen Pestizidrückstände in Produkten. Diese Daten wurden in Rechenmodelle der WHO eingespeist, um die gesundheitlichen Auswirkungen zu monetarisieren. Die Ergebnisse wurden von Ernst & Young validiert.

In der Folge soll die Datenlage verbessert werden. Wie viel fehlt zu einer voll umfänglichen „Vollkostenrechnung“ für Obst und Gemüse, aber auch für verarbeitete Lebensmittel?
Die Frage ist: Kann man an alles ein Preisschild hängen? Und natürlich lautet die Antwort darauf: Nein. Das Thema Biodiversität ist z. B. furchtbar komplex und noch nicht berechenbar. Wie können wir Nächstenliebe in der Rechnung abbilden? Klar ist aber, wir können nicht länger warten und alles beim Alten belassen. Also müssen wir erst mal mit Teillösungen arbeiten.

Zur Studie

Entwickelt wurde die Methode zur Vollkostenrechnung von den Wirtschaftsprüfern Ernst & Young gemeinsam mit den Nachhaltigkeitsberatern von Soil & More. Die Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM), die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren maßgeblich am Projekt „True Cost Accounting for Food, Farm and Finance“ beteiligt.

Müssen die Preise im Supermarkt Ihrer Ansicht nach irgendwann tatsächlich nach dieser Vollkostenrechnung gestaltet werden, oder welche Maßnahmen gilt es aus Ihrer Sicht stattdessen konkret anzugehen?
Folgen muss es geben. Aktuell zahlt der Verbraucher zu wenig für Produkte, die unsere Umwelt verpesten, doch vor allem könnte die Politik z. B. mit einer Steuerreform helfen und jene belohnen, die gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Werte schaffen. Wir haben bereits die Unterstützung der Wirtschaftsprüfer erhalten, da sie erkannt haben, dass die Bewertungen von Wirtschaftsunternehmen im Finanzsektor aktuell zu kurz greifen. Es bewegt sich also schon etwas. Auch einige europäische Handelsunternehmen sind bereits auf uns zugekommen und sprechen mit uns über True Cost Accounting.

Auch deutsche?
Ja. Mehr kann ich nicht verraten.

Inwieweit haben die Ergebnisse Einfluss auf Strategie und Management von Eosta?
Wir setzen die Ergebnisse vor allem in der Kundenkommunikation ein. Ab jetzt fokussieren wir uns dabei sehr stark auf die Gesundheitsbenefits von Bio-Produkten für den Konsumenten im Vergleich zu konventionell erzeugten. Dies geschieht sehr plakativ z. B. über unsere Nachhaltigkeitsblume auf den Produkten und erklärenden Flyern. Wir sind dabei kreativ und bringen Humor in die Kampagnen. In Kürze werden wir z. B. Kurkuma in Pillenverpackung als Wundermittel für die Gesundheit anbieten.