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Bastian Fassin und Anette Dierks „Wir sind Überzeugungstäter“

Andrea Kurtz | 07. Februar 2019
Bastian Fassin und Anette Dierks: „Wir sind Überzeugungstäter“
Bildquelle: Peter Eilers

Nachhaltigkeit fängt bei Katjes im Kleinen an und hört beim vielleicht umweltfreundlichsten Stand auf der ISM auf. Wir sprachen im Vorfeld der Messe mit Nachhaltigkeitsmanagerin Anette Dierks und Geschäftsführer Bastian Fassin über Umwelt- und Sozialmaßnahmen im Unternehmen und die #achtmaldrauf-Kampagne mit ihren auffälligen Großplakaten.

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Wie startete die nachhaltige Tradition in Ihrem Unternehmen?
Bastian Fassin: Das begann schon in den 80er-Jahren, als wir anfingen, mit natürlichen Farbstoffen zu arbeiten. Es war damals fast unmöglich, diese von Lieferanten zu bekommen. Und so haben wir beispielsweise frische Rote Bete hier am Standort selbst verarbeitet. Industriepartner waren völlig verwundet, sprachen davon, dass künstliche Farbe doch viel schöner sei. Aber wir waren davon überzeugt, dass dies langfristig der bessere Weg sei. Auf diesem Grundverständnis arbeitet und entwickelt sich das Team von Anette Dierks. Sie war schon vorher bei uns im Unternehmen tätig und hat nach der Babypause begonnen, unsere Maßnahmen zu koordinieren. Es gibt schon einige Aktivitäten und viele neue Ideen. Manchmal muss ich sie sogar bremsen, wenn es darum geht, was wir noch gern umsetzen wollen und können.

Wie ist die Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen aufgestellt?
Anette Dierks: Ich steuere hier von der Zentrale in Emmerich Mitarbeiter aus den unterschiedlichen Abteilungen. Ich selbst habe keine feste Abteilung, sondern interagiere mit unseren Fachleuten aller Bereiche und aller Standorte – und kann so auch alle mitnehmen. Nachhaltigkeit ist keine „One (Wo)Man Show“, sondern Aufgabe aller Mitarbeiter.
Fassin: Es hat sich bewährt, dass unsere Nachhaltigkeitsmanagerin gut in allen Abteilungen verdrahtet ist. Das macht thematisch einfach Sinn, wird mehr akzeptiert und zeigt gleichzeitig: Wir haben keinen Wasserkopf, will sagen, eine große Stabsabteilung, die sich nur mit diesem Thema auseinandersetzt und vorrangig lange Berichte schreibt.

War es schwierig, bei diesem Thema auch die Mitarbeiter in Produktion oder Verwaltung mitzunehmen?
Dierks: An sich nicht. Schon durch unsere Historie und durch die Tatsache, dass wir ein Familienunternehmen sind und nachhaltige Werte verankert haben, können wir unsere Ideen auf einem sehr fruchtbaren Boden umsetzen. Das fängt schon im Kleinen, zum Beispiel bei dem persönlichen Wasserverbrauch an.
Fassin: Jeder Mitarbeiter hat eine nachfüllbare Metallflasche für Getränke, jeweils graviert mit dem eigenen Namen sowie dem Spruch „Schluck für Schluck eine gute Tat“. Darauf sind die Mitarbeiter stolz – und wir sparten 144.000 Plastikbecher ein, die wir vorher jährlich verbrauchten. Dazu kommt noch, dass wir jetzt Leitungswasser verwenden können, das wir selbst filtern und uns so die Flaschen- und Kastenlogistik erspart bleibt.


Gibt es ein Lieblingsbeispiel für dieses Mitarbeiterengagement?
Fassin: Ich erwähne da gern unser „innerbetriebliches Vorschlagsmanagement“, dem wir intern einen ansprechenderen Namen gegeben haben. Wichtigster Bestandteil dabei ist, dass ein Mitarbeiter innerhalb eines Monats Feedback auf seine Idee bekommt. Für jede eingereichte Idee wird ein Baum gepflanzt oder zehn Quadratmeter einer einzigartigen Naturlandschaft geschützt.
Dierks: Ideengarten heißt das jetzt bei uns. Wir haben das ganze Ideenmanagement auch optisch verändert und sehr bildlich gestaltet, man möchte schon das Papier dafür selbst gern als Briefpapier verwenden.

Was gehört noch in das Paket?
Dierks: Wir kümmern uns um regelmäßige Blutspenden beziehungsweise haben mit der DKMS eine Registrierungsaktion für Knochenmarkspenden organisiert. Außerdem wollten wir das wichtige Thema Bienen genau verstehen und für ihre Bedeutung sensibilisieren. Wir haben jetzt ein Bienenvolk auf dem Gelände. Hier können die Mitarbeiter alle vier Wochen in den Austausch mit dem Imker treten. Auch die Azubis haben wir als Nachhaltigkeitsbotschafter gewonnen, denn diese jungen Leute stellen am ehesten Sachen in Frage. Sie bekommen jedes Jahr ein festes Budget für ein Projekt: Zum Beispiel haben sie gebrauchte Tornister für bedürftige Schüler gesammelt. Es geht uns darum, Themen und unternehmerische Verantwortung erlebbar zu machen.
Fassin: Wir haben „Lunch und Learn“ eingeführt: Das sind regelmäßige Veranstaltungen für alle Mitarbeiter, in denen wir etwa über internationale Aktivitäten informieren oder der Firmengründer aus seiner Anfangszeit berichtet. Oder wir gehen zusammen in eine Kunstausstellung. Was das Thema auch gut verankert: In jeder unserer Zielvereinbarungen ist ein Nachhaltigkeitsziel vereinbart, das der jeweilige Mitarbeiter selbst wählen kann. Das alles funktioniert bei uns gut Hand in Hand als Gesamtkonzept.

Wie dokumentieren Sie dies alles?
Fassin: Nicht in einem klassischen, hundert Seiten langen Pamphlet, das ja doch kaum einer liest. Wir wollen auch diesen erlebbar machen und haben die letzte Publikation als inspirierendes Buch mit vielen Anregungen gestaltet. Die vorletzte konnte sogar hinterher als Blumenwiese eingepflanzt werden.

Woher stammen Ihre Rohstoffe?
Dierks: In erster Linie ist das Zucker aus Zuckerrüben und der kommt aus der Region oder aus anderen EU-Ländern. 80 Prozent unserer Rohstoffe wie Glukose oder Stärke kommen aus dem engen Umkreis von circa 300 Kilometern. Nur beim Rohstoff für Lakritz geht das natürlich nicht, aber der kommt künftig aus Süditalien. Durch die kürzliche Akquisition von Sperlari hat sich diese Möglichkeit ergeben und wir produzieren Lakritz – wohl als einziges Süßwarenunternehmen weltweit – selbst. Allerdings haben wir sogar schon sehr konkrete Experimente mit dem Anbau von Süßholzwurzeln hier gemacht. Klimatisch würde es gehen, denn es kommt sehr auf den Boden an.

Setzen Sie Palmöl ein?
Dierks: Palmöl haben wir bei Katjes durch Sonnenblumenöl ersetzen können. Die geringe Menge, die wir bei Sallos für die Textur einsetzen müssen, ist RSPO-zertifiziert.
Fassin: Würde man statt Palmöl Kokosöl verwenden, – viele Unternehmen machen das ja, weil sie vermeintlich umweltfreundlicher sein wollen – müsste man erst einmal die Erntebedingungen dafür unter die Lupe nehmen. Hier wurden wir darauf aufmerksam, dass dressierte, angekettete Affen eingesetzt werden können – das will ja niemand. Unserer Überzeugung widerspricht das.

Was entgegnen Sie den kritischen Stimmen, die Industrieunternehmen grundsätzlich in den Generalverdacht eines Greenwashings nehmen?
Fassin: Meist tangiert mich das gar nicht. Wir machen Nachhaltigkeit nicht, weil das ein Modethema ist, sondern weil es bei uns in der DNA liegt. Wir machen seit Jahren Produkte, die auf nachhaltigere Weise viel komplizierter und teurer zu produzieren sind, aber trotzdem preislich wie die vom Wettbewerb aufgestellt sind. Des Weiteren setzen wir Ökostrom in der Produktion ein und sparen dadurch 28 Prozent Kohlendioxid ein. Es wäre günstiger und einfacher, das nicht zu machen. Ich verzichte als Unternehmenslenker also auf Gewinn, und das kann man ja nur aus Überzeugung machen. Mein Geschäftsführerkollege Tobias Bachmüller und ich sind der Überzeugung, dass diese Welt ein Problem hat, und wir wollen dazu beitragen, dass das Problem nicht größer wird. Das sagen wir auch unseren Handelspartnern.

Sie verwenden aber nach wie vor eine Folienverpackung?
Fassin: Nach außen hin würde eine Papierverpackung besser wirken, da gebe ich Ihnen Recht. Wir hatten aber ein Jahr lang drei Studenten in unserem Unternehmen, die unsere Verpackung in allen Details unter die Lupe genommen haben. Das Ergebnis war eindeutig: Eine recyclingfähige Kunststoffverpackung ist momentan die umweltfreundlichste Form für die Qualitätsanforderungen an unsere Produkte.
Dierks: Für alternative Verpackungen gibt es derzeit noch keinen geschlossenen Kreislauf, der auch ein Recycling garantiert. Unsere Partner, auch im Handel, waren sehr froh, dass wir das so konkret ausgesprochen haben.

Wie passen die Veggie-Produkte in Ihre Strategie hinein?
Dierks: Für deren Produktion werden circa 20 Prozent weniger Kohlendioxid - Ausstoß verursacht als bei einem vergleichbaren Gelatine-Produkt. Schon dadurch, dass wir die Gelatine weglassen, entfällt bei uns auch das problematische Thema der Massentierhaltung, – denn es gibt keinen negativen Effekt aufgrund der Schweinehaltung. Rund 750.000 Schweine müssten aufgrund unserer Veggie-Produkte theoretisch pro Jahr weniger verarbeitet werden. Auch andere negative Effekte, die mit der Aufzucht von Schweinen zusammenhängen, betreffen uns nicht: die Übersäuerung des Bodens und ein hoher Wasserverbrauch zum Beispiel.

Wie geht es mit der 2017 gestarteten Kampagne „Alles veggie“ weiter?
Fassin: Zum einen werden wir mit den Veggie-Produkten weitermachen. Und zum anderen trägt unsere Kampagne den Hashtag #achtemaldrauf. Damit zeigen wir unsere Haltung, und regen dazu an, über das Thema nachzudenken und darauf zu achten, dass Katjes ohne „Schwein“ im Fruchtgummi auskommt. Für die drei verschiedenen Frauen aus unserer Werbe- kampagne ist das Thema äußerst relevant: Vegetarier, Flexitarier und Muslime.

Leider muss man diese Fragen heutzutage stellen: Gab es negative Reaktionen auf dieses Motiv?
Fassin: Es gab immens viele Reaktionen, auch laute Gegenstimmen. Aber der Love-Storm hat die negativen Kommentare deutlich überwogen. Das liegt sicher auch an der Hauptzielgruppe „junge Frauen“. Wir machen mit diesen Motiven auf jeden Fall weiter. Kürzlich zeigten wir auf einem Großplakat am Berliner Alexanderplatz eine junge Frau, die sichtbar ihr Baby stillt. Da geht es auch um „Achte mal drauf“, denn wir wollten das Stillen in der Öffentlichkeit ansprechen, das wir als völlig natürlich ansehen. Das polarisiert natürlich, aber uns geht es auch hier um ein Gesamtkonzept zum Umgang mit gewissen Themen in der Öffentlichkeit. Ich bin davon überzeugt, dass Konsumenten uns diese Ehrlichkeit abnehmen und spüren, dass wir mit unseren Produkten und unserer Kommunikation glaubwürdig sind.

Honoriert der Handel denn Ihre Maßnahmen?
Fassin: Das ist so einfach nicht zur beantworten, aber ein steigendes Bewusstsein für solche Produkte bemerken wir schon. Der Handel ist ein guter Counterpart für uns, weil er ständig im Kontakt mit den Kunden steht.

Zum Abschluss ein kurzer Blick aufs Geschäft: Wie stehen Sie zu Jahresbeginn da im unter Druck stehenden Zuckerwarenmarkt?
Fassin: Der Markt ist stabil, beziehungsweise er wächst nur leicht. Natürlich wären mir zweistellige Zuwachsraten wie in den 80er- oder zu Anfang der 90er-Jahre lieber. Wir aber wachsen deutlich, sind daher zufrieden ins neue Jahr gegangen.

Der Einstieg in andere Segmente passt zu dieser Ausrichtung?
Fassin: Wir sind der Zuckerwarenspezialist und das werden wir bleiben. Allerdings verfolgen wir den Grundsatz eine Gesundheitsorientierung, zum Beispiel ist ja Fruchtgummi die kalorienärmste Süßware. Diesen Grundsatz erkennt man auch an unseren Akquisitionen, die jeweils auf einen natürlichen Rohstoff fokussieren. Bei Piasten mit Treets sind da zum Beispiel die Nüsse, ebenso wie bei Sperlari. Bei Dallmann beispielsweise steht Salbei im Vordergrund. Natürlich alles im Bereich Süßware, dazu stehen wir. Wir könnten auch zuckerfrei oder so etwas machen, aber letztlich stehen wir natürlich für Genuss. Im Rahmen einer ausgewogenen, gesundheitsorientierten Ernährung darf man sich auch mal etwas gönnen.

Anette Dierks ist Betriebswirtin, sie beschäftigt sich schon lange mit Nachhaltigkeit; in einem Aufbauseminar wurde sie „ZNU Nachhaltigkeitsmanagerin“. Sie studiert berufsbegleitend an der Leuphana Universität Sustainability Management.

Bastian Fassin

  • Bastian Fassin ist gemeinsam mit Tobias Bachmüller seit 2004 geschäftsführender Gesellschafter der Katjes Fassin GmbH + Co. KG und somit Nachfolger seines Vaters Klaus Fassin.
  • Bevor er 2004 in den Familienbetrieb einstieg, arbeitete er in Marketing und Vertrieb bei Kraft Foods in Bremen und bis 2000 bei den Roland Berger Strategy Consultants, München.
  • Fassin ist auch Vorsitzender des Arbeitskreises der Internationalen Süßwarenmesse (ISM), Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) und Vorstandsmitglied der Deutsch- Niederländischen Handelskammer (DNHK).