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Schiene statt LKW Eine realistische Alternative?

Tobias Dünnebacke | 03. November 2014

Der Zug gilt als unflexibles Transportmittel. Dennoch setzen mit Danone, Vion, Henkel und Freixenet große Hersteller auf die Schiene. Sie haben ihre Gründe.

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„Es gibt durchaus Vorbehalte, gerade von Unternehmen aus der Lebensmittel-Industrie, die auf eine rasche Lieferung angewiesen sind und auf Nachfrageschwankungen flexibel reagieren möchten“, sagt Carsten Stelter, Senior Manager bei der Unternehmensberatung Barkawi Management Consultants. Dennoch werde die Schiene für die Unternehmen attraktiver. Verstopfte Autobahnen, Kosteneinsparungen und die Reduzierung von CO2-Emissionen seien nur drei Gründe für das Umdenken. Stelter räumt mit einem weit verbreiteten Vorteil auf, was den Schienenverkehr betrifft: „Lkw sind nicht unbedingt pünktlicher als die Bahn. Auf der Schiene gibt es keinen Stau.“

Zudem bestünde die Möglichkeit, die Bahn vertraglich in die Pflicht zu nehmen, sollte es zu Zugausfällen kommen. Sollte ein Unternehmen mit stark schwankender Nachfrage zu tun haben, kann man bei Spitzen noch zusätzlich auf Lkw zurückgreifen. Ein solcher Logistik-Mix ist beispielsweise die Strategie von Freixenet. Seit 2008 die deutsche Tochtergesellschaft des spanischen Cava-Herstellers die volle Verantwortung für die Logistik übernommen hat, wird etwa die Hälfte der jährlichen Tonnage von Sant Sadurni d‘Anoia in Spanien über Perpignan oder Le Boulou (Frankreich) unter anderem nach Darmstadt mit dem Zug transportiert. Für die Schiene spricht laut Unternehmen die „zuverlässige und kontinuierliche Versorgung mit Waren, unabhängig von Wettereinflüssen oder verstopften Autobahnen.“ Trotzdem werden zur Risikostreuung auch Lastwagen eingesetzt.

Auch Kosmetik- und WPR-Hersteller Henkel und der niederländische Nahrungsmittelkonzern Vion sind Beispiele für Unternehmen mit einem relativ hohen Anteil an Schienengüterverkehr. So transportiert Henkel auf der Strecke von Wassertrüdingen in Bayern nach Monheim in Nordrhein-Westfalen Waren mit einem Gesamtgewicht von rund 6.000 t pro Jahr, was in etwa 3.000 Lkw-Ladungen entspricht. Der niederländische Nahrungsmittelkonzern Vion befördert auf der Schiene rund 4.000 t frischen Schinken von Niedersachsen nach Trento in Italien.

Welche Vor- und Nachteile eine Verlagerung vom Lkw auf die Schiene bietet, weiß Carsten Stelter aus eigener Erfahrung. Der Manager verantwortete bei der Danone-Gruppe acht Jahre lang die Supply-Chain-Organisationen für die Produktbereiche Wasser und Milchfrische. Zu seinen größten Erfolgen zählte dabei die Neugestaltung des Logistiknetzwerks. Durch die Verlagerung auf die Schiene sowie die Optimierung der Lagerlogistik konnten die Schadstoffemissionen der Supply Chain um 30 Prozent reduziert werden. „Der Wettbewerb hatte damals begonnen, die langen Wege, die beim Lkw-Transport der Danone-Wasserflaschen von Frankreich nach Deutschland entstehen, kritisch hervorzuheben. Zudem hatte sich Danone selbst zum Ziel gesetzt, im Rahmen eines konzernweiten CSR-Programms über alle Unternehmensbereiche hinweg die CO2-Emissionen im Verlauf mehrerer Jahre drastisch zu reduzieren“, erklärt Stelter die Hintergründe. Daneben ging es auch darum, durch den Umstieg von der Straße auf die Schiene auch Kosten zu senken. Obwohl die Performance der Bahngesellschaften laut Stelter anfangs eine Katastrophe war, habe die Liberalisierung der Bahnverkehre über die Jahre zu geringeren Kosten und mehr Verlässlichkeit geführt. Trotzdem macht Stelter klar, dass der Transport per Bahn nur in bestimmten Fällen sinnvoll ist, nämlich wenn Unternehmen eine klare Vorstellung davon haben, wie viel Ware gebraucht wird. „Fällt die Nachfrage aus, bleibt der Verlader auf den Kosten sitzen.“ Kommt die Nachfrageschwankung quasi über Nacht – wenn etwa bei einem Wetterumschwung verstärkt Eis konsumiert wird – dann sei die Bahn nicht flexibel genug, da Züge, Teilzüge und Waggons einige Tage im Voraus gebucht werden müssen.