Anzeige

Nachrichten

Interview mit Prof. Dr. Hendrik Schröder Genügend Raum für Entwicklungen

Lebensmittel Praxis | 12. Februar 2013
Interview mit Prof. Dr. Hendrik Schröder: Genügend Raum für Entwicklungen

Bildquelle: Universitu00e4t Duisburg-Essen

Prof. Dr. Hendrik Schröder zu Perspektiven des Online-Handels mit Lebensmitteln.

Anzeige

Wie bewerten Sie den Stand beim Online-Einkauf von Lebensmitteln?
Diese Verkaufsform hat in den zurückliegenden zehn Jahren einige Wellenbewegungen mitgemacht und sich dabei positiv entwickelt. Heute trifft der Kunde auf eine große Anbieterzahl und Angebotsvielfalt. Sei es der Vollsortimenter oder der Spezialitätenanbieter, seien es selbstständige Einzelhändler oder Hybridsysteme. Und diese Entwicklung wird sich fortsetzen.

Woran machen Sie die Aussage fest?
Das sind unterschiedliche Punkte, vor allem der steigende Altersdurchschnitt in unserer Gesellschaft, die zunehmende Flexibilisierung der Arbeitszeiten, ein verändertes Freizeitverhalten, eine zunehmende Zahl von Kunden, die den convenienten Lebensmittel-Einkauf schätzen, und eine wachsende Internet-Affinität über alle Altersgruppen gesehen.

Mit dem Smartphone wird zudem die mobile Komponente verstärkt. Hat das einen stark beschleunigenden Effekt?
Das ist schwer einzuschätzen, aber das Mobile Phone wird vor dem Lebensmittelhandel nicht Halt machen, siehe auch Bezahlvorgänge. Es ist zunächst einmal eine andere Bestellsituation. Entscheidend sind für den Kunden erkennbare Nutzenvorteile und für den Anbieter eine für Smartphones optimierte Website oder eine App mit Shopfunktion.

Was sind nach Ihrer Erkenntnis die Punkte, an denen Einsteiger wie Etablierte häufig scheitern?
Einer der Hauptgründe für das Scheitern ist mangelndes Kapital. So haben die sogenannten Pure Player, also nur auf den Online-Vertrieb ausgerichtete Unternehmen, im Gegensatz zu den Hybridformen nicht die Möglichkeit der Quersubvention. Multi-Channel-Anbieter können den Online-Kanal durch andere Kanäle mitfinanzieren. Hier ist aber auch das Konzept ein anderes. Nicht der einzelne Kanal muss sich rechnen, sondern das gesamte Geschäftsmodell mit mehreren Kanälen.

Ist die Logistik dabei ein wesentlicher Kosten- und damit Erfolgsfaktor?
Über die Logistik wird sich der Wettbewerb entscheiden. Das ist keine neue Erkenntnis. Neu ist aber aus unserer Sicht die Bewertung eines zwei- bzw. dreigeteilten Marktes mit Drive-In, Versand und Lieferdiensten. Hier haben die Lieferdienste zuletzt gewonnen und werden sich auch auf lange Sicht durchsetzen.

Wie wichtig sind angepasste Sortimente? Kann der Vollsortimenter sein Sortiment auch in den neuen Vertriebswegen 1:1 abbilden?
1:1 abbilden kann er es schon, aber es stellt sich die Frage „Ist es sinnvoll?“. Wir reden bei Lebensmitteln oft über kleine Wertgewichte. Aber der Maßstab sind die Frische und deren Handling. Natürlich spielt hier auch der Aspekt Warenverfügbarkeit eine wichtige Rolle. Häufigere Out of Stocks sind ein Grund für den Kunden, den Shop zu wechseln, möglicherweise dauerhaft.

Muss bei der Betrachtung der Online-Aktivitäten, insbesondere beim Lieferservice, zwischen Großstadt und flachem Land unterschieden werden?
Das mag auf den ersten Blick so erscheinen, weil sich Anbieter auf Ballungsräume konzentrieren oder hier starten. Was nicht heißt, dass in ländlichen Gebieten kein Platz für solch ein Angebot ist. Es muss sich einfach rechnen, soweit eine Quersubvention möglich oder gewollt ist.

Wie sind die Prognosen für den Onlinehandel mit Lebensmitteln?
Es ist derzeit unmöglich, halbwegs fundierte Zahlen zu nennen. Aber die Shops existieren, ihre Zahl steigt, das Angebot an Waren wächst, und der Kundenwunsch nach dem convenienten Einkauf besteht. Die Voraussetzungen stimmen demnach, und es gibt Modelle, die das Ganze künftig möglicherweise beschleunigen können, wie Paketkästen in der Nähe von Ein- und Zweifamilienhäusern, die die Post testet. Es gibt also noch genügend Raum für Entwicklungen.

Bild: Prof. Dr. Hendrik Schröder