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Diskussion Mehrweg und Einweg Lange Wege und weniger Umläufe

Susanne Klopsch | 29. April 2014

Eine Erhebung von HDE und BVE will die Diskussion um Mehrweg und Einweg in Deutschland versachlichen. Das scheint derzeit noch nicht gelungen. Die Ergebnisse liefern in jedem Fall eine Menge Gesprächsstoff.

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Vielfalt ist gefragt. Ob es um Mineralwasser mit oder ohne Kohlensäure geht, um Coca-Cola, Bier, Biermischgetränke oder Säfte – die meisten Kunden kaufen das Gebinde, das am besten zur Lebenssituation oder dem aktuellen Getränkebedarf passt. Eine Folge: Seit Jahren schon geht die Mehrwegquote zurück. 2011 betrug sie beispielsweise bei Mineralwasser 41,8 Prozent – 20 Jahre zuvor waren es noch beachtliche 93,3 Prozent (Quelle: Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung GVM). Die Mehrwegbefürworter führen als Vorzug des Systems vor allem die bis zu 60 Umläufe ins Feld, die eine Glasflasche habe, bevor sie recycelt wird. Dies ist auch ein wesentlicher Grund dafür, Mehrweggetränkeverpackungen in der Verpackungsverordnung als ökologisch vorteilhaft zu privilegieren.

Doch lassen sich diese Zahlen angesichts veränderter Konsumgewohnheiten, und zunehmender Fragmentierung der Gebinde (Individualflaschen, unterschiedliche Größen) überhaupt noch aufrechterhalten? Die Ansichten von Mehrwegbefürwortern und Anbietern von Einweggebinden dazu gehen weit auseinander. Um „eine Versachlichung der Debatte“ zu erreichen und die Komplexität des Mehrwegsystems zu durchleuchten, gaben die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) und der Handelsverband Deutschland HDE bei der Unternehmensberatung Weihenstephan GmbH, einer Tochter von Deloitte Consulting, eine Studie in Auftrag. Das Ziel: „Umlaufzahlen und Transportentfernungen in der Getränkeindustrie“ zu ermitteln. Denn diese sind entscheidende Parameter für Ökobilanzen von Getränkeverpackungen.

Die Bilanz (siehe auch Tabellen S. 64): Eine allgemeine, durchschnittliche Umlaufzahl für Mehrweg innerhalb eines Getränkesegments ist laut Studie nicht vertretbar. Für die Erstellung von Ökobilanzen ist eine Segmentierung nach Gebindetypen erforderlich. Individualflaschen weisen bei allen betrachteten Getränken niedrigere Umlaufzahlen auf als Poolflaschen. Gerade bei Bier ist der Schwund bei den Individualflaschen höher als bei den Poolflaschen. Individualgebinde werden durchschnittlich fast 540 km (Poolflaschen 419 km) vom Abfüller zum Verbraucher und wieder zurück transportiert (Bier). Derzeit sind 120 verschiedene Flaschentypen im Umlauf.

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Für die Studie wurden von März 2012 bis Juli 2013 die Segmente Wasser, Erfrischungsgetränke und Bier analysiert. Bei Bier konnte eine Marktabdeckung von insgesamt 53 Prozent erreicht werden. Berücksichtigt wurden alle Flaschentypen, vom Bügelverschluss über Long-Neck- bis Brunneneinheits- und NRW-Flasche. Letztere ist mit 39 Prozent Anteil zwar das am häufigsten vertretene Gebinde, verliert aber seit Jahren Marktanteile. Dabei zeigte sich nun bei Bier (Umlaufzahlen): Die Pool-Mehrwegflasche (0,5 l) erreicht im Schnitt 8 Umläufe ohne Tausch und 36 Umläufe inklusive Tausch. Individual-Mehrwegflaschen brachten es nach dieser Erfassung ohne Tausch auf 4, mit Tausch auf 23 Umläufe.

Bei Wasser und Erfrischungsgetränken dominiert, so die Studie, mit 51 bzw. 72 Prozent Mehrweg. Die Umläufe der Poolflasche (Glas) liegen im Schnitt bei 38, bei der Individualflasche bei 23 und bei PET-Mehrweg bei 19 Umläufen.

Die Studie ermittelte zudem die Transportstrecken der Gebinde: Mit durchschnittlich 437 km legt eine Glas-Mehrwegflasche (Bier) eine mehr als doppelt so große Strecke zurück wie bisher angenommen (200 km). Gebinde lokaler Brauereien (unter 50.000 hl im Jahr) werden mit 154 km durchschnittlicher Transportentfernung erheblich weniger weit bewegt als Gebinde überregionaler Brauereien (500 km). Bei Wasser liegen die Distanzen zwischen 259 km (Glas Mehrweg) und 273 km (PET Mehrweg). Erfrischungsgetränke in Mehrweg legen 246 km (Glas) bzw. 262 km (PET Einweg) zurück (siehe auch Tabellen S. 64).


Die Studie hat vor allem die Individualgebinde, unabhängig von der Befüllung, als größtes Problem ausgemacht. Vor allem Brauereien kosten diese Flaschen Bares: „Allein die Sortierkosten liegen je nach Größe des Betriebs und Art der Sortierung, ob interne Sortierung oder über einen externen Dienstleister, zwischen 0,5 und 1,2 Cent pro Gebinde“, sagt Unternehmensberater Robert Sauer, Autor der 2009 erstellten Studie „Zukunft Mehrweg“. Er geht im Bereich Bier bei einem Absatz von 59 Mio. hl in Mehrweg Flaschen von geschätzten 9 Mrd. Tauschvorgängen hierzulande aus. Bei einem Mittelwert von 0,85 Cent Sortierkosten pro Flasche errechnet er eine Belastung der Branche von 76,5 Mio. Euro jährlich. Hinzukämen die Posten Logistik und Neuglasbeschaffung. Allein letztere beziffert er mit 170 Mio. Euro. Sein Fazit: „Das Mehrwegsystem wird aus ökologischer Sicht viel zu sehr von neuen Faktoren belastet. Ökonomisch und ökologisch müssen für die Branche neue Rahmenbedingungen und Spielregeln aufgestel lt werden.“

Ähnlich sieht es Wolfgang Hinkel, General Manager bei Getränkedosenhersteller Ball Trading Germany. „Die Studie zeigt erstmals die Komplexität des Mehrwegsystems. Und die Fakten sagen etwas anderes als das, was man bislang angenommen hat“. Der Sortieraufwand in den Brauereien, um heimatlose Sixpacks zuzuordnen, sei immens. Er stellt aber auch klar: „Wir haben nichts gegen Mehrweg. Man sollte nun daran arbeiten, Einweg- und Mehrwegsystem ökologisch und ökonomisch sinnvoll nebeneinander zu organisieren.“

Aus Sicht der Allianz für Mehrweg hat die Studie allerdings gravierende Mängel. So seien unrealistische Extremangaben über den Flaschenaustausch im Handel und bei Abfüllern getroffen worden, um die Wiederbefüllungsraten niedrig zu halten. Zudem sei versucht worden, das Mehrwegsystem durch die Differenzierung in „gute Pool- und schlechte Individualflaschen“ aufzuteilen. „Für die Ökobilanz von Mehrwegflaschen sind die ersten zehn Umläufe die wichtigsten. Dabei werden 90 Prozent der eingesetzten Ressourcen eingespart“, sagt Roland Demleitner, Geschäftsführer des Verbandes Private Brauereien Deutschland.

Bei der Vorstellung der Info-Kampagne „Mehrweg ist Klimaschutz“ machte sich die Allianz für Mehrweg, zu der u. a. die Deutsche Umwelthilfe gehört, stark für eine Lenkungsabgabe von mindestens 20 Cent pro Einweggebinde: Diese soll dem Verbraucher vor Augen führen, dass er ein Einweggebinde kauft. „Discounter ködern Verbraucher über Niedrigpreise und setzen so das Mehrwegsystem unter Druck. Die politische Unterstützung des Mehrwegsystems ist deshalb unbedingt notwendig und eine klimapolitische Entscheidung“, erklärte der Vorsitzende des Verbandes des Deutschen Getränke-Einzelhandels, Sepp Gail. Nach Dialogbereitschaft klingt das nicht.

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