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Corona aktuell Fleischbranche unter Beschuss

Jens Hertling | 27. Mai 2020
Corona aktuell: Fleischbranche unter Beschuss
Bildquelle: Getty Images

Seit mehrere Schlachtbetriebe zu Corona-Hotspots geworden sind, rücken die Arbeits- und Wohnbedingungen der Beschäftigten in den Blickpunkt. Die Politik kündigt Maßnahmen an.

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Mit medialer Wucht ist die Fleischbranche in die Corona-Berichterstattung gerutscht, nachdem bei den Herstellern von Müller-Fleisch, Vion und West-Fleisch eine Häufung von Infektionen festgestellt wurden: Deutschlands Schlachthöfe sind Corona-Hotspots. In den vergangenen Tagen haben bereits die Länder Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein umfassende Tests in den fleischverarbeitenden Betrieben initiiert. Denn die Strukturen, unter denen viele Menschen dicht in den Schlachtbetrieben arbeiten und genauso beengt wohnen, begünstigen die Ausbreitung des Virus.

Mahnwache gegen Missstände
Am 9. Mai hielt Pfarrer Peter Kossen medienwirksam eine Mahnwache vor dem Westfleisch-Werk in Coesfeld. Seit Jahren setzt sich der katholische Sozialpfarrer für Arbeitsmigranten in der Fleischindustrie ein. Wie „Wegwerfmenschen“ würden diese Leiharbeiter von vielen Großschlachtereien behandelt, sagt Kossen im Gespräch mit der LP. Massenunterkünfte, kaum Chancen auf Erholung für kranke Kollegen – der katholische Sozialpfarrer kennt die Verhältnisse mancher Fleischbetriebe aus seiner jahrelangen Erfahrung. „Während überall Abstandsregeln und Kontaktsperren gelten, wohnen in den Gemeinschaftsunterkünften oft bis zu sechs Osteuropäer in einer 60-Quadratmeter-Wohnung.“

Der Pfarrer hat deshalb den Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ gegründet. Kossen fordert die Politik auf, sich dafür einzusetzen, dass die Arbeitsmigranten nicht wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. „Die Politik und die Länder müssen die Arbeitsbedingungen bundesweit überprüfen. Denn die Strukturen sind überall ähnlich.“
Die Fleischwirtschaft ist der größte Sektor in der deutschen Lebensmittelindustrie. Wer sein Geld nicht in einer Bio-, Premium- oder regionalen Nische verdient, muss eine entsprechende Größe haben, um mithalten zu können. „Niedrige Kosten sind oft der entscheidende Vorteil im harten Preiswettbewerb“, so Pfarrer Kossen.

Tatsache ist: Schlachten und Fleischzerlegung sind eine harte Arbeit. Für diese Tätigkeiten finden sich hier kaum mehr Arbeiter. Schlachtbetriebe sind auf Arbeitskräfte aus Osteuropa angewiesen. An diese kommen sie oft über Subunternehmen dran.

Infektionsherd Unterkunft
„Ein großer Teil der Beschäftigten in den Schlachthöfen sind Arbeitsmigranten, die über Subunternehmen angeheuert werden“, sagt der Hamburger Soziologe Marcel Sebastian unserer Zeitschrift, der über die Schlachthofarbeit promoviert hat. Ein wesentlicher Infektionsherd sei die Unterbringung der Arbeitskräfte. „Während überall Abstandsregeln und Kontaktsperren gelten, wohnen in den Gemeinschaftsunterkünften viele auf engem Raum. Abstand halten ist da kaum möglich.“ Der Unterschied zu früher sei, dass die Subunternehmen sich heute vermehrt in Deutschland befinden und hier ihre Sozialabgaben bezahlen, so Sebastian. Dennoch habe sich grundlegend nicht viel geändert. Die Corona-Pandemie verschärfe nur die Probleme in der Fleischindustrie, die die ja nicht neu seien: Defizite im Tierschutz, schlechte Arbeitsbedingungen und Probleme bei der Hygiene seien die Folgen einer auf maximale Profitabilität ausgerichteten Fleischindustrie, so Sebastian. Arbeitgeber lagerten nicht nur die Arbeit, sondern auch einen Großteil der Verantwortung an die Subunternehmen aus. Die Corona-Fälle seien „trauriges Resultat des extremen Preisdrucks beim Fleisch“. Im Kampf um Kundschaft würden sich die Einzelhändler gegenseitig unterbieten. Die Schlachtunternehmen versuchten daher möglichst viele Kosten einzusparen – auch zulasten der Arbeitnehmer, erklärt Sebastian. Die Strukturen der meisten Großschlachtbetriebe ähnelten einander stark. „Es würde einen großen Wettbewerbsnachteil mit sich bringen, völlig anders zu agieren.“

Enormer Preisdruck
„Fleisch darf keine Ramschware sein – nicht in normalen Zeiten und schon gar nicht in der Pandemie“, erklärt Marcus Diekmann, CEO von Rose Bikes und Mitinitiator der ehrenamtlichen Initiative „Händler helfen Händlern“, die Händler aller Bereiche in Zeiten der Corona-Krise in ihrem Netzwerk bündelt. Einheitliche gesetzliche Standards müssen geschafft werden, damit Firmen, die ihre Beschäftigten anständig behandeln, keine Wettbewerbsnachteile haben. Wenn mehr als die Hälfte der Beschäftigten von Subunternehmen kommt, stimmt etwas nicht im System, argumentiert Diekmann.

„Wurzel des Übels“
In der Politik werden Forderungen laut, nun endgültig hart durchzugreifen. „Die Betriebe müssen häufiger und besser kontrolliert und die Hauptverantwortlichen der Konzerne konsequenter zur Rechenschaft gezogen werden“, sagte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter der Nachrichtenagentur dpa. Bundesarbeitsminister Heil sorgt sich ebenfalls um die Arbeitsbedingungen und die Unterbringung der meist ausländischen Mitarbeiter: „Wir dürfen als Gesellschaft nicht weiter zugucken, wie Menschen aus Osteuropa in dieser Gesellschaft ausgebeutet werden.“ Das Subunternehmertum in der Fleischbranche sei dabei die „Wurzel des Übels“. Deshalb warb Heil dafür, grundsätzlich über die derzeit weit verbreiteten Werksvertrags-Konstruktionen nachzudenken. Darüber hinaus machte sich der Minister für bundesweit verbindliche Kontrollquoten stark. Viele Bundesländer hätten bei den zuständigen Behörden zu stark gespart, um die Einhaltung der bestehenden Arbeitsschutzregeln zu überprüfen.

Die Branche wehrt sich gegen härtere Vorgaben. „Aus unserer Sicht sind nicht vor allem die Arbeitsbedingungen schuld an den Corona-Ausbrüchen“, sagt Heike Harstick, Hauptgeschäftsführerin des Verbands der Deutschen Fleischwirtschaft der Süddeutschen Zeitung (SZ). Als kritische Infrastruktur habe man die Produktion nicht stoppen können und weitergearbeitet, um die Versorgung mit Nahrungsmitteln sicherzustellen. So könne es zu Ansteckungen kommen. Der Verband warnt vor härteren Auflagen. „Eine schnelle und einfache Lösung gibt es nicht“, sagt Harstick der SZ. Wenn etwa die Einzelunterbringung vorgeschrieben und höhere Wohnungsmieten verursacht würden, seien „viele Betriebe nicht mehr wettbewerbsfähig“. Teile der Branche würden abwandern, warnt Harstick. Und wenn wegen positiver Corona-Tests viele Betriebe geschlossen würden, wäre das auch ein Problem für die Versorgung, so Harstick.

Verbraucher müssen mitspielen
Die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) bindet auch die Verbraucher ein: „Die Konsumenten sollten sich bewusst sein, was die Niedrigpreise für Folgen haben, auch für die Beschäftigten“, sagte der Vorsitzende Guido Zeitler der „Rhein-Neckar-Zeitung“. Wie jedes Mal, wenn es um die Zustände in der Branche geht, gibt es aber auch diejenigen, die davor warnen, die Verantwortung nur auf die Politik abzuwälzen. Dazu gehört Pfarrer Kossen. Alle seien über die vielen Corona-Fälle in der Fleischbranche erschrocken. Das Fleisch sei nur deshalb so billig, weil die Werkarbeiter unter diesen Umständen produzieren. „Die Kunden sind gefordert, nicht immer das günstigste Fleisch zu kaufen.“
Viele Arbeiter, angestellt bei Subunternehmen, arbeiten unter schlechten Bedingungen.