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Personal-Recruiting Ausbilden in Corona-Zeiten

Lebensmittel Praxis | 11. Mai 2020
Personal-Recruiting: Ausbilden in Corona-Zeiten
Bildquelle: Getty Images/iStockphoto

Auszubildende können gerade nicht zur Berufsschule oder keine Abschlussprüfung machen. Bewerber wissen nicht, ob ihr Wunsch-Betrieb überhaupt weiter ausbildet. Dabei gibt es Firmen, die aktiv und digital nach den Future-Champions suchen.

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Seit Ausbruch der Pandemie steigt bei angehenden Azubis die Zukunftsangst. 59 Prozent aller Bewerber haben Befürchtungen, dass sie aufgrund der Corona-Krise keinen Ausbildungsplatz bekommen, geht aus einer Erhebung von Ausbildung.de hervor. Und tatsächlich: Wie die Umfrage zeigt, haben insgesamt acht Prozent der Bewerber einen schon zugesagten Ausbildungsplatz verloren, bei mehr als der Hälfte (56 Prozent) verzögern sich die Bewerbungsprozesse.

„Wir erleben eine hohe Verunsicherung bei den Ausbildungssuchenden“, so Felix von Zittwitz, Executive Director bei Ausbildung.de. Schon in normalen Zeiten sei die Ausbildungssuche ein hochemotionaler und mit vielen Fragen behafteter Prozess – und die Sorgen und Ängste von Schülern auf Ausbildungssuche potenzierten sich natürlich durch die Corona-Krise. „Hier sind die Ausbildungsbetriebe gefragt, Bewerbern nun Unsicherheiten zu nehmen und klar zu sagen: Ja, wir bilden nach wie vor aus“, fordert von Zittwitz.

Wie finden und begegnen sich Schulabgänger und potenzielle Ausbildungsbetriebe in Corona-Zeiten? Mit dieser Frage beschäftigt sich nicht erst seit der Pandemie Jutta Mohamed-Ali. Die Inhaberin von ArsAzubi berät seit über 15 Jahren Unternehmen und Azubis sowie dual Studierende. „Das gegenseitige Finden ist nur für die Betriebe eine Herausforderung, die bisher ohnehin den Wandel im Azubi-Recruiting verschlafen haben. Wer bisher nur auf Messen, Azubi-Speed-Datings und Projekttage gesetzt hat, der hat verloren“, erklärt die Beraterin. „Die Betriebe, die sich schon in den letzten Jahren aktiv mit Ausschreibungen und Kontakten via Social Media, Azubi-Jobbörsen und Active Sourcing beschäftigt haben, die haben auch jetzt in der Corona-Zeit kein Problem, Bewerber zu finden und aktiv auf sie zuzugehen.“

Messen sind für Yvonne Höft, Head of Recruiting & Employer Branding bei Deutsches Milchkontor, weiterhin ein Thema, allerdings digital. „Die Junge Generation lebt online, weshalb wir uns als Unternehmen auch auf diesen Plattformen verstärkt platzieren möchten. Durch Corona beschäftigen wir uns aktuell noch mehr mit digitalen Messen, um trotz der abgesagten Berufsmessen virtuell an den Veranstaltungen teilnehmen zu können. Hier prüfen wir derzeit mehrere Alternativen und beschäftigen uns beispielsweise mit der Gestaltung eines virtuellen Messestandes“, erläutert die Personalerin.

Das Recruiting zu organisieren ist nach Auffassung von Coach Jutta Mohamed-Ali noch die leichteste Übung. Zahlreiche Online-Plattformen machen Vorstellungsgespräche auch mit mehreren Personen möglich. „Allerding ist hier der Wille zur Veränderung bei den Recruitern gefragt“, meint Mohamed-Ali. „Wie schnell können sie sich in digitale Plattformen einarbeiten und sie auch zielgerichtet nutzen.“ Denn wenn man „nur“ ein Kamerabild von seinem Gegenüber habe, falle vieles, was im persönlichen Gespräch an Körpersprache, Mimik, Gestik sichtbar ist, einfach weg.

Bei Nestlé Deutschland ist man hier schon einen Schritt weiter und hat das Azubi-Assessmentcenter komplett digitalisiert und sieht darin ein spannendes Lernfeld. „Das Recruiting über digitale Kanäle setzen wir als Nestlé selbst um. Es bietet sicherlich auch in Zukunft spannende Möglichkeiten, mit denen wir uns noch mehr beschäftigen werden“, erklärt Laura Kiesewetter gegenüber Lebensmittel Praxis. Generell würden Bewerbungsgespräche verstärkt aus dem Home-Office, per Telefon oder Videokonferenz geführt. Doch für einige Nestlé-Werksstandorten werden auch weiterhin persönliche Interviews mit den nötigen Sicherheits- und Hygienemaßnahmen vereinbart. „Diese finden dann aber außerhalb des Werksgeländes statt“, fügt Kiesewetter an.

Für Tobias Metten, Inhaber und Geschäftsführer des gleichnamigen Fleischwarenherstellers Metten in Finnentrop, ist das persönliche Treffen trotz Corona wichtig: „Der Einstellungstest sowie das Probearbeiten könnten bei uns auf jeden Fall wieder stattfinden, wir sind von den Hygiene-Anforderungen her natürlich darauf eingerichtet.“ Insgesamt hofft er dieses Jahr auf sechs bis acht Azubis. Bei den kaufmännischen waren die beiden Plätze schon Ende 2019 vergeben. Anders ist die Lage bei den gewerblichen Azubis, die Metten z.B. als Metzger, zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik oder zum Maschinen- und Anlagenführer ausbildet. „Da kommen die Bewerbungen oft erst gegen Ende des Schuljahres und wir haben aktuell noch drei Plätze frei. Wir hoffen, dass in den nächsten Wochen noch Interessenten auf uns zukommen“, wünscht sich Tobias Metten mit klarem Bekenntnis zur Ausbildung.

„Das Thema Recruiting ist dieses Jahr ganz schön schwierig“, weiß auch Kevin Lunckshausen, der bei den AVO-Werken in Belm Ausbildungsleiter ist. Er kümmert sich seit zwei Jahren intensiv um die Fachkräfte für Lebensmitteltechnik und die Maschinen- und Anlagenführer. Sein Ziel ist es, jedes Jahr vier bis fünf Auszubildende einzustellen. Bis März hatte Der Ausbildungsleiter schon drei Zusagen für den Herbst 2020. Als dann die Pandemie und die Hamsterkäufe über den Gewürzspezialisten hereinbrachen, konzentrierte man sich erst einmal darauf, die Produktion sicherzustellen. Mittlerweile hat sich die Absatzlage wieder beruhigt. Lunckshausen hat ab dieser Woche wieder einige Kandidaten für ein Bewerbungsgespräch eingeladen. Seiner Meinung nach ist es wichtig, die Kandidaten persönlich zu treffen und ihnen auch einmal den modernen Betrieb zu zeigen.

Solch aktive Ausbildungsbetriebe wie diese dürften auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) freuen. Den laut Statistik sind über 40 Prozent der Ausbildungsstellen in der Lebensmittel- und Futterindustrie in den Jahren 2008 bis 2018 in Deutschland weggefallen. In absoluten Zahlen sind das etwa 20.000 Stellen. „Die Ausbildungsbeteiligung der Lebensmittelindustrie darf im Zuge der Corona-Krise nicht weiter absinken“, fordert Jan Krüger, Bundesjugendsekretär der NGG, „der Fachkräftemangel macht keine Corona-Pause. Deshalb brauchen wir mehr Ausbildungsstellen für junge Menschen.“

„Aber wer riskiert im Moment die Einstellung von Auszubildenden“, ist für Jutta Mohamed-Ali die zentrale Frage, die beide Seiten Unternehmen wie Bewerber – am meisten beschäftigt. Sie betreut auf facebook die Gruppe Ausbildungsplätze suchen und vergeben. Einige Bewerber berichten davon, dass sie seit März praktisch nichts mehr von den ausschreibenden Unternehmen gehört haben. „Verständlich, denn viele Betriebe wissen ja gar nicht, ob und wenn ja, wie es denn nach der Corona-Zeit weitergehen wird“, findet die Ausbildungsberaterin. Da gingen viele Ausbildungsbetriebe momentan lieber nicht das Risiko ein, Azubis zum 1. August oder 1. September einzustellen.

Bei den Schulabgängern gibt es ähnliche Probleme: Wann werden die Abschlussprüfungen absolviert sein und zu welchem Termin kann man sich dann überhaupt bewerben? Die Betriebe stellen sich die gleiche Frage hinsichtlich der Azubi-Prüfungen, denn in vielen Betrieben ist erst Platz für neue Auszubildende, wenn die bisherigen mit ihrer Ausbildung fertig sind. „Ich persönlich rechne damit, dass wir aufgrund der Corona-Krise in diesem Jahr den schlimmsten Rückgang an abgeschlossenen Ausbildungsverträgen verzeichnen werden, den wir jemals hatten. Das wird meiner Meinung nach ein historischer Tiefststand werden“, blickt Jutta Mohamed-Ali pessimistisch in die nahe Zukunft.

Doch Corona verändert auch die Berufswünsche der jungen Leute sowie die Berufs-Images, wie die Umfrage von Ausbildung.de ergab. So geben 22 Prozent der Bewerber an, sich wegen der Corona-Krise mehr mit den so genannten systemrelevanten Berufen auseinanderzusetzen, also jenen, die gerade in Krisensituationen unverzichtbar sind. Dieses positive Image könnten die aktiven Ausbildungsbetriebe der Lebensmittelherstellung sowie des Handels jetzt für sich nutzen.