Anzeige

Selbstversorgungsgrad Sorge um Nachschub?

Julia Neumann | 05. Mai 2020

Zu Beginn der Corona-Krise sind die Verkaufszahlen diverser Waren geradezu explodiert. Hamsterkäufe und die Angst, für die kommende Zeit nicht ausreichend versorgt zu sein, waren die Folgen. Das wirkt sich aus: Die Preise einiger Waren könnten steigen.

Anzeige

„Dank unserer Bauern ist Deutschland mit den meisten Grundnahrungsmitteln gut versorgt“, heißt es vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). „Gerade in der jetzigen Zeit zeigt dies, wie wichtig eine multifunktionale und flächendeckende Landwirtschaft im eigenen Land ist.“ In Deutschland werden laut einer Statistik des BLE mehr Fleisch, Milch, Zucker und Kartoffeln erzeugt, als für den Eigenbedarf benötigt wird – hier liegt der Selbstversorgungsgrad bei über 100 Prozent. Zudem sind wir in der Lage, die Versorgung der Verbraucher in anderen Ländern mit diesen Waren zu unterstützen. Im Gegenzug werden Waren importiert, von denen wir aus verschiedenen Gründen nicht genug produzieren können. So zum Beispiel gedeihen Obst und Gemüse aufgrund des kühlen Klimas in Deutschland zu spärlich – der Selbstversorgungsgrad liegt bei unter 40 Prozent. „Konkret lag der Selbstversorgungsgrad 2018 und 2019 bei Gemüse bei 35,7 Prozent und bei Obst bei 22,1 Prozent“, so das BMEL.

Definition

Der Selbstversorgungsgrad eines Landes wird aus dem Verhältnis zwischen Eigenerzeugung und Verbrauch errechnet.

Was bedeutet eine Unterversorgung für Deutschland?

Eine Unterversorgung liegt vor, wenn wir mehr essen als wir erzeugen. Neben Obst und Gemüse gehört auch Fisch mit einem Selbstversorgungsgrad von unter 20 Prozent zu den erzeugungsschwachen Waren in Deutschland. Das hat Auswirkungen auf den Preis. Doch die Erzeugung selbst ist nicht der einzige Faktor, weiß Abteilungsleiter Peter Pascher vom Deutschen Bauernverband (DBV): „Jetzt, in der Corona-Krise, wirkt sich vor allem der Mangel an Saisonarbeitern stark auf die Preise von Frischeprodukten wie bei einigen Obst- und Gemüseerzeugnissen aus.“ Allerdings bleibt die Versorgung auch in der aktuellen Krise nicht aus. Was der eine nicht hat, muss dem anderen nicht mangeln.

„Solange wir den Konsumenten freie Wahl lassen, müssen wir importieren“, erklärt Hans-Christoph Behr, Bereichsleiter der Agrarmarkt-Infostelle (AMI). „Aktuell werden 40 Prozent Gemüse importiert.“ In Deutschland gibt es allerdings keinen festgelegten Bedarf vonseiten der Verbraucher. Deshalb liegt keine Unterversorgung vor.

Ist also die Sorge um eine Unterversorgung durch die Corona-Krise unbegründet?

„Der Lebensmitteleinzelhandel hat auch in der Corona-Krise unter Beweis gestellt, dass die Branche die Verbraucher versorgen kann.“, so Christian Böttcher, Pressesprecher des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH). Doch auch er zeigt auf, dass dabei die Gewährleistung des Imports von Waren, insbesondere Obst und Gemüse, wichtig ist. Durch die nach wie vor für den Warenverkehr offenen Grenzen sei der Im- und Export im europäischen Binnenmarkt weiterhin möglich. Und daran ändert auch die Krise nichts. Im Endeffekt wird es also keine Unterversorgung geben, solange die Grenzen innerhalb der EU offen bleiben.

Eine Sonderauswertung experimenteller Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) gibt Aufschluss über den Verlauf des aktuellen Kaufverhaltens (von Kalenderwoche 32, 2019, bis Kalenderwoche 16, 2020). So lag in der Woche vom 13. bis 19. April 2020 der Absatz von Mehl bei minus neun Prozent, von Gemüsekonserven bei minus 21 Prozent und der Absatz von Reis bei minus 27 Prozent unter dem Durchschnittswert der Monate August 2019 bis Januar 2020. Das Destatis äußert zwei Möglichkeiten für die rückläufigen Verkaufszahlen: „Zum einen dürfte das Angebot in bestimmten Warensegmenten kurzzeitig fehlen, zum anderen könnte eine Sättigung des Bedarfs einsetzen.“ (s. Slideshow oben)

AMI-Experte Behr tendiert zu letzterer Möglichkeit. Denn „tatsächlich waren viele der deklarierten Hamsterkäufe keine. Zwar wurde schon ab Kalenderwoche 9 insgesamt mehr gekauft, aber nicht aus Panik, sondern weil es einfach mehr Käufer gibt. Die Leute müssen sich jetzt daheim versorgen, sie sind nicht mehr den ganzen Tag unterwegs, essen nicht mehr in der Kantine.“ Das erklärt dann auch die Verkaufszahlen von Desinfektionsmittel, Seife und Toilettenpapier, die in den Kalenderwochen 9, 10 und 12 dramatisch in die Höhe geschnellt und nun rückläufig sind.

In aller Kürze

  • Der Selbstversorgungsgrad von Fleisch, Milch, Zucker und Kartoffeln liegt bei über 100 Prozent, deshalb können wir andere Länder mit Exporten unterstützen.
  • Waren wie Obst, Gemüse und Fisch müssen importiert werden, weil der Selbstversorgungsgrad hier zu niedrig ist.
  • Die Preise steigen, wenn der Bedarf höher ist als der Erzeugungsgrad – oder wenn die Erzeugnisse aufgrund von Mitarbeitermangel nicht eingeholt werden können.
  • Es liegt keine Unterversorgung der deutschen Bevölkerung vor.
  • Die Verkaufszahlen sind nach dem drastischen Anstieg im März bereits wieder rückläufig, teilweise stark unter dem Durchschnittswert.
  • Viele der so genannten Hamsterkäufe waren keine; die Leute müssen sich in der Quarantäne-Zeit ganz einfach daheim versorgen.