Anzeige

Corona Der Hamsterer ist los

Jens Hertling | 23. März 2020
Corona: Der Hamsterer ist los
Bildquelle: Rewe Glück

Viele Menschen in Europa reagieren auf die Maßnahmen im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie mit Hamsterkäufen und horten Lebensmittel und Hygieneartikel. Wie erleben die Händler im LEH diese Situation – ein kleiner Überblick.

Anzeige

Der dänische Supermarkt „Meny“ hat sich eine ganz eigene Idee einfallen lassen, um die Hamsterkäufe zu unterbinden. Auf Twitter kursiert gerade die Aufnahme eines Hinweisschildes aus dem dänischen Markt, das vor einem Regal mit Desinfektionsmittel hängt. Auf dem Schild steht, dass der Supermarkt den Preis des Hygieneartikels aus gegebenem Anlass stark anziehen müsse. Somit würde eine Flasche Desinfektionsmittel 40 Kronen (5,35 Euro) kosten. Um weitere Verkäufe zu unterbinden, liegt der Preis für die zweite Flasche bei 134 Euro.

Rewe-Händler Michael Glück aus Rengsdorf hat stattdessen eine eigene Art entwickelt, wie er auf die Hamsterkäufer reagiert: Er hat seine Klopapierverkäufe limitiert. Wer ein zweites Päckchen kaufen will, zahlt fünf Euro mehr, das dritte kostet zehn Euro mehr. Wenn eine Lieferung den Laden erreiche, sei diese innerhalb von fünf bis zehn Minuten ausverkauft: „Es herrscht Krieg um Klopapier. Die Kunden holen sich das gegenseitig aus dem Einkaufswagen.“ Die Spenden will Michael Glück über den Landkreis Neuwied an Coronavirus-Helfer leiten.

Wie ist das rechtlich zu bewerten? Laut Bürgerlichen Gesetzbuch sind Rechtsgeschäfte, die sittenwidrig sind, nichtig. Sittenwidrig ist beispielsweise auch der Preiswucher. Von einem solchen ist immer dann die Rede, wenn Produkt und Preis in einem auffälligen Missverhältnis stehen und dazu auch noch die Zwangslage von Betroffenen ausgenutzt wird. Da aber Händler Michael Glück das Wohl seiner Kunden sowie der Angestellten im Sinn hat und das so mehr eingenommene Geld spenden will, könnte der so eingeschlagene Weg zielführend sein.

Wie erleben Händler die Hamsterkäufe? Edekaner Dirk Goerzen aus Koblenz setzt auf die Vernunft seiner Kunden. Abstandshinweise sollen bei der Orientierung helfen. Rewe-Händler Michael Glück aus Rengsdorf hat beispielsweise seine Klopapierverkäufe limitiert. Aber auch seine Bestände an Küchenrolle werden durch seine Kunden permanent abgebaut. „Am Freitag hatte ich eine Palette einfach in den Gang gestellt. Keine halbe Stunde später war alles weg. „Der Nachschub hakt, weil die Hersteller nicht schnell genug produzieren können“, so Michael Glück. Die Hamsterkäufe sorgen bei ihm für leeren Regale. Der Händler sagt, dass er so etwas in den 40 Jahren seiner Laufbahn im LEH noch nicht erlebt habe. Er berichtet auch von zunehmender Aggressivität der Kunden.

Neueröffnung in Zeiten des Virus: Wer den neu eröffneten Aldi in Polch betreten will, muss erst einmal draußen anstehen. Sicherheitspersonal regelt den Zugang zum Markt. Im Markt selbst ist die Stimmung unaufgeregt. Es gibt sogar noch Toilettenpapier. Die Abgabe von mehreren Produkte (wie Mehl, Zucker, Hefe) ist auf zwei Packungen beschränkt. Ein Kunde sagt: „Man muss noch nicht einmal aufpassen, dass einem das Klopapier nicht aus dem Einkaufswagen raus geklaut wird. In einem anderen Markt hat er genau das erlebt.“

Doch nicht überall stehen die Zeichen auf Sturm. Rewe-Händler Dietmar Tönnies aus Odenthal berichtet, dass er keine wesentlichen Hamsterkäufe verzeichnet. „Der Umsatz ist wie Weihnachten, aber es fehlt die Freude, etwas geschafft zu haben. Die Kunden kaufen sowieso. Quasi ein Monopol“, so Tönnies.

Entspannung ist ebenfalls bei Edeka Hayunga in Elmshorn angesagt. „Wir haben einen höheren Kundenverkehr, aber nicht weil der ‚Hamster‘ los ist, sondern weil das öffentliche Leben still steht“, sagt Erich Arndt, Prokurist der Hayunga´s E-Märkte in Norderstedt & Elmshorn. Die Kinder sind nicht mehr in der Betreuung und müssen zu Hause versorgt werden. Statt im Büro arbeiten die Kunden im Homeoffice oder das gemeinsame Abendessen findet zuhause und nicht mehr im Restaurant statt, so Arndt. „Daher kaufen unsere Kunden vermehrt Lebensmittel für die häusliche Versorgung ein. Eigentlich das gleiche wie an Feiertagen, nur das der Großhandel an diesen Feier-Tagen auf den Ansturm der Händler vorbereitet ist und wir als Händler auf Grund der Vorjahreszahlen und Erfahrungen rechtzeitig disponieren“, so Arndt. Die Großhandlung beliefert Hayunga mehrmals täglich mit Ware. „Außer beim Toilettenpapier und einigen Drogerieprodukten sind wir gut aufgestellt. Eine Mengenbegrenzung haben wir noch nicht in allen Märkten eingeführt“, so Arndt. Die Geschäftsleitung von Hayunga vertraut noch auf die Solidarität der Kunden. „Unsere Mitarbeiter schreiten nach persönlichem Ermessen nur bei Großmengen ein. Persönlich möchte ich gerne noch einmal herausstellen, dass unsere Mitarbeiter und der Lebensmitteleinzelhandel insgesamt mit sehr viel Engagement einen über alle Maßen hinaus gehenden täglichen Einsatz zeigen. Hierfür kann man nur ein ganz großes Dankeschön sagen“, so Arndt.

Eine ähnliche Einschätzung der Situation kommt von Rolf Drohmann, Geschäftsleitung bei Gebauers Aktiv-Markt: „Die Wichtigkeit der Umsatzzahlen sind aktuell ganz weit nach hinten gewichen. Viel wichtiger ist, die Menschen mit Lebensmittel zu versorgen.“ In den Filialen von Gebauer befindet sich in allen Märkten Sicherheitspersonal, „welches darauf achtet, dass nur in haushaltüblichen Mengen gekauft wird.“ Nur bei Toilettenpapier und Hefe ist die Menge auf ein Paket Toilettenpapier und bei der Hefe auf fünf Würfel beschränkt. „Dem Hamsterer muss man ganz klar die Grenzen aufzeigen, denn von diesen bekommt man leider kein Verständnis.“ Rolf Drohmann erklärt, dass die absolute Mehrheit der Kunden sehr ruhig und sachlich mit dem Ganzen um geht und eine gewisse Normalität zu erhalten versucht. „Wir vom Team geben alles um das Ganze für unsere Kunden so angenehm wie möglich zu gestalten.“

Vor vier Wochen etwa begannen Verbraucher damit, vermehrt vermeintlich haltbare Lebensmittel zu kaufen. Mit dem Ergebnis deutlicher Lücken dort, wo im Supermarktregal zuvor Nudeln, Reis oder Konserven zu finden waren. Obwohl die Bundesregierung gebeten hat, mit den Hamsterkäufen aufzuhören, weil sie unsolidarisch und vollkommen sinnlos seien, scheint das „Hamstern“ kein Ende zu haben. Der Run auf Artikel wie Klopapier nimmt zunehmend unschöne Züge an. In einem Mannheimer und in einem Bremer Supermarkt sind Auseinandersetzungen um das Produkt „Klopapier“ ausgeartet. Wie die Polizei berichtet, wollte ein 47-Jähriger Mann in Mannheim mehrere Packungen kaufen. Weil zwei Angestellte ihm das verwehrten, beleidigte der Mann diese zunächst und versuchte dann, sie mit der Faust zu schlagen. Bei einem Vorfall in Bremen verlor eine 41-Jährige an der Kasse nach Hinweisen auf die zulässige Höchstabgabemenge laut Polizei derart die Fassung, dass sie „ausgerastet“ sei.

Die Stadt Hanau macht im Kampf gegen die „Hamsterkäufe“ Ernst: Ab Heute dürfen Waren nur noch in haushaltsüblichem Umfang an eine Person abgegeben werden. „90 Prozent der Menschen sind vernünftig, aber der kleine Teil der Unvernünftigen gefährdet zunehmend die Versorgungslage“, begründet Oberbürgermeister Claus Kaminsky die entsprechende Allgemeinverfügung. Bereits am Samstag hatte der Landkreis Marburg-Biedenkopf ebenfalls schärfere Regeln für Supermärkte auf den Weg gebracht. Auch dort sind Hamsterkäufe verboten, Supermärkte dürfen nur noch einen Kunden pro Fläche von 20 Quadratmetern hereinlassen. Wegen der Ausbreitung des Coronavirus beschränkt die Stadt Breckerfeld den Zugang zu Lebensmittelgeschäften und verbietet Hamsterkäufe, wie „Die Westfalenpost“ berichtet. „Lebensmittel dürfen nur noch in handelsüblichen Mengen abgegeben werden“, sagt André Dahlhaus, Bürgermeister von Breckerfeld.