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Verpackung Händler hamstern

Reiner Mihr | 09. August 2020
Verpackung: Händler hamstern
Bildquelle: Mayr-Melnhof Karton

Die Corona-Pandemie hat den Stellenwert von Verpackungen bei Lebensmitteln überdeutlich gemacht. Dennoch wirkt sich auch in der Verpackungsbranche die wirtschaftliche Situation aus.

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Die einen profitieren – die anderen leiden. Verpackungshersteller bedienen Branchen unterschiedlichster Art. Während es bei Lebensmitteln großen Bedarf gibt, sieht es in anderen Bereichen eher mau aus. Was verändert sich da gerade? Fragen an Christian Schiffers, Geschäftsführer des FFI – Fachverband Faltschachtel-Industrie.

Herr Schiffers, wie geht es der Faltschachtelbranche in Corona-Zeiten?
Christian Schiffers: Die regulativen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben zu verschiedensten, massiven Sondereffekten auf die Konjunktur unserer Branche, auf die Lieferketten und die operativen Produktionstätigkeiten unserer Mitgliedsunternehmen geführt. In zahlreichen Faltschachtel-Segmenten für Güter des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel, Hygieneartikel, Zigaretten, Freizeit und Hobby, Colorationen, Pharmazie und Standard-Health Care führte das gesteigerte Order-Verhalten der Kunden zu erhöhter Produktionstätigkeit. Andere Segmente wie die System-Gastronomie, Luxus-Artikel, Fashion, Spirituosen verzeichneten negative Effekte.

Viel ist jetzt bereits von „new normal“, einer neuen Normalität, die Rede. Auch bei Ihnen?
Sowohl auf der Beschaffungs- als auch auf der Absatz-Seite stellen wir seit einigen Wochen den Beginn einer Normalisierung bei den Branchen fest, bei denen es zu einer Erhöhung von Produktion und Absatz gekommen war. Bei den Segmenten mit negativen Effekten hingegen wurde zuletzt wieder von einer Zunahme der Projekt-Aktivitäten berichtet.

Nach unserer jüngsten Händlerbefragung verlangen aus hygienischen Gründen knapp 60 Prozent der Kunden im LEH wieder häufiger nach Plastik. Wird Plastik „modern“?
Das Attribut Hygiene wurde spontan schon immer mit Kunststoffverpackungen assoziiert. Insofern spricht einiges für die Aussagen aus Ihrer Händlerbefragung. Mir liegen solche Untersuchungen allerdings nicht vor – auch nicht aus dem Mitgliederkreis. Nach unserer Branchenstatistik für das Jahr 2019 haben Kartonverpackungen merklich zugelegt, was sicherlich auch etwas mit der Substitution von Kunststoffverpackungen durch solche aus Karton zu tun hat.

Wie wirkt sich die Pandemie auf die Nachfrage nach Kartonverpackungen aus?
Aktuelle Absatzzahlen, die bereits das zweite Quartal 2020 erfassen, liegen nicht vor. Hamsterkäufe, wie bei Toilettenpapier, gab es bei in Faltschachteln verpackten Produkten – außer vielleicht bei trockenen Lebensmitteln – kaum. Dennoch haben die Markenartikler und die Händler für ihre Eigenmarken sehr viel mehr Verpackungen als üblich geordert. Der Grund war hauptsächlich Unsicherheit vor Lieferengpässen. Die Pipeline ist entsprechend deutlich gefüllt zum gegenwärtigen Zeitpunkt.

Was bleibt, wenn die Pandemie abgeklungen ist? Ändern sich die Einstellungen der Verbraucher auch längerfristig?
Ich persönlich vermute, dass Plastik nie wieder „modern“ werden wird. Daran wird auch die anfängliche Unsicherheit des Konsumenten in Bezug auf mögliche Übertragungswege von Viren nichts ändern. Mittlerweile ist allgemein bekannt, dass Viren nicht durch Verpackungen hindurch auf Lebensmittel übertragen werden und über diesen Pfad keine Infektionen auslösen können. Der Trend zu nachhaltigen und recyclingfähigen Verpackungen ist somit nicht mehr aufzuhalten, und die Karton-Faltschachtel wird davon profitieren.

Welche Auswirkungen hat der Wunsch nach Hygiene auf die Entwicklung neuer Verpackungen?
Hybridverpackungen, also Verbundverpackungen aus verschiedenen Materialien, gab es ja schon immer, etwa bei Tiefkühlgemüse, Fischstäbchen und anderem. Aufgrund des fortschreitenden Trends zu nachhaltigen und recyclingfähigen Verpackungen werden wir aber noch weitere Substitutionen von Kunststoff zu Karton sehen.

Etwas konkreter?
Das größte Forschungsinteresse besteht natürlich im Bereich alternativer Beschichtungen für Kartonverpackungen bei gleichzeitiger Verbesserung der Recyclingfähigkeit solcher Verbundverpackungen. Hierbei geht es aber eher um solche Funktionen wie Sauerstoff- und Wasserdampf-Dichtigkeit oder Migration als um Hygienefragen. Glücklicherweise konnte schon schnell nach dem Ausbruch der Corona-Krise dargestellt werden, dass die Viren nur sehr kurzzeitig auf unbelebten Oberflächen wie Karton-Faltschachteln beständig sind.
 
Gibt es jetzt Umsatzeinbußen?
Die weitere Entwicklung lässt sich schwer abschätzen, doch allgemein gilt, dass der Absatz von Faltschachteln eng verknüpft ist mit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und der Konsumneigung des privaten Endverbrauchers. Diese makroökonomischen Daten werden wir daher sehr genau verfolgen.

Also alles in Butter?
Da Karton-Faltschachteln insbesondere über ihre grafische Gestaltung und Veredlung sowie ihre Haptik die geeignetste Verpackungsart sind, um dem Konsumenten insbesondere am PoS im Handel den Wert eines Produkts zu vermitteln und ihn im Wettbewerb der Marken zum Kauf zu animieren, bereitet uns die Maskenpflicht im stationären Handel Sorge. Wir sind selber alle auch Konsumenten und stellen fest, dass das Tragen einer Maske im Einzelhandel, bei dem Produktverpackungen eine entscheidende Rolle spielen, kaum noch Shoppingerlebnisse zulässt.

Welche wichtigen Verpackungstrends sehen Sie? Es wird ja viel von Grasfaserkarton geredet...
Die Recyclingfähigkeit von Verpackungen wird einen wesentlichen Einfluss auf die weitere Entwicklung haben. Wir leben zudem in einer höchst mobilen Gesellschaft und verzeichnen eine Zunahme von Singlehaushalten. Unterwegs-Versorgung und kleinere Produkteinheiten haben daher eine Bedeutung. Mit dem Begriff „Grasfaserkarton“ sollte man im Markt vorsichtig umgehen, denn es ist eigentlich kein Grasfaserkarton, sondern ein Karton auf Altpapier- oder Frischfaser-Basis, dem ein gewisser Teil – meines Wissens bis etwa 30 Prozent – Grasfasern als Füllstoff beigemischt wird.

Aber immerhin...
Nun ja, für die Steifigkeit des Kartons benötigt man Holzfasern, dies kann allein von Gras nicht gewährleistet werden. Grasfasern bringen dann noch eine gewisse Optik und Olfaktorik mit sich, was für einige Anwendungen bei Lebensmitteln oder Kosmetik nicht gewünscht wird.