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24-Stunden-Läden Allzeit geöffnet

Friederike Stahmann | 05. März 2019
24-Stunden-Läden: Allzeit geöffnet
Bildquelle: The Mobymart

 Keine verschlossenen Ladentüren, kein Warten an der Kasse, kein Personal: Unbemannte Stores gewinnen zunehmend an Bedeutung und könnten in Zukunft die Lösung für die 24/7-Nahversorgung sein.

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„Einkaufen wird in zehn Jahren nicht einmal mehr ansatzweise damit vergleichbar sein, wie wir es heute kennen“, ist sich Gerhard Berthold von der Lead Innovation, einem Dienstleistungsunternehmen für Innovationen, sicher. Aber wie wird es sein? Erste Versuche auf dem Weg zum Store 4.0 findet man in unterschiedlichen Abstufungen weltweit. Vor allem die Zukunft des Bezahlens beschäftigt Händler. Kein Wunder, denn laut einem Report der Zahlungsplattform Adyen verzeichnete der europäische Handel in den vergangenen zwölf Monaten Umsatzeinbußen von rund 34 Milliarden Euro und zwar nur, weil Kunden wegen zu langer Warteschlangen den Kauf abgebrochen haben. In deutschen Kassen klafft deswegen ein Umsatzloch von 6,7 Milliarden Euro.
Ein Problem, nicht nur in Europa, wie sich beim Blick über den Teich zeigt. Onlineversandhändler Amazon eröffnete im Januar 2018 ein stationäres Geschäft in Seattle. Kassenlos kommt Amazon Go daher. Mehr aber auch nicht. Um in der „kassenbefreiten Zone“ einkaufen zu können, ist ein Amazon-Konto sowie ein Smartphone mit installierter Amazon Go-App vonnöten. Am Eingang checkt der Shopper per QR-Code ein. Anschließend überwacht das System, was aus den Regalen entnommen wird. Integrierte Gewichtssensoren und Kameras in den Regalen registrieren die Entnahme der Artikel. Beim Verlassen des Marktes wird der Amazon-Account automatisch mit dem entsprechenden Betrag belastet. Der Kassenbeleg wird aufs Handy geschickt. Aufgrund europäischer Datenschutzbestimmungen hält der ehemalige Datenschutzbeauftragte des Bundes, Peter Schaar, dieser Art von Stores jedoch hierzulande für problematisch und inkompatibel. Das Konzept basiere darauf, „Menschen total zu kontrollieren“, begründete er dies bei „Zeit online“.
Die Vorzüge des Online- und Offline-Handels zusammenzubringen, ist die Intention der Media-Markt-Saturn Retail Group. Im völlig neuen Shopkonzept unter dem Namen Saturn Express verbindet man digitalisiertes Einkaufserlebnis mit fundierter Beratung. Was entfällt, ist das Anstellen an der Kasse: Die Kunden scannen mit einer eigens entwickelten App den Barcode der gewünschten Produkte. Bezahlt wird via Kreditkarte oder Paypal. Der neuartige Store befindet sich im Sillpark-Einkaufszentrum im österreichischen Innsbruck. Bei Geschäftseröffnung schwärmte Mustafa Khanwala, Geschäftsführer vom Technikstoreentwickler MishiPay: „Die Eröffnung des Stores ist ein wichtiger Schritt auf unserer Reise, das Einkaufen am PoS zu revolutionieren.“
Die Saturn-Idee ist nicht ganz neu. Auch in Apple-Stores können Kunden bereits seit Jahren mit der entsprechenden Store-App einige Produkte scannen und über ihren iTunes-Account bezahlen.
Interessanterweise scheinen gerade Kunden in infrastrukturell benachteiligten Regionen vom Komplettpaket der 24/7-Stunden-Stores zu profitieren, in es des keine verschlossenen Ladentüren, kein Warten an der Kasse und kein Personal gibt. In Ballungszentren sind inzwischen Öffnungszeiten, die werktags von 7 bis 24 Uhr reichen, immer wieder zu finden. Auch kommen Reisende in den Genuss, an Hotspots wie Flughäfen, Bahnhöfen und Tankstellen noch einen „Rettungskauf“ tätigen zu können. Dazu zählen die Rewe-to-Go-Shops in Bahnhöfen, „die aufgrund der Sonderstandortlage oftmals rund um die Uhr auf haben und neben einer Vielzahl von Convenience-Artikeln auch ein ausgewähltes Sortiment an Grundnahrungsmitteln bieten“, so Andreas Krämer von der Rewe Group. Aber was macht ein Dorfbewohner in dünnbesiedelten Regionen wie der Uckermark oder dem Bayerischen Wald ohne ein Lebensmittelgeschäft weit und breit?
Ein Blick nach Skandinavien lohnt (siehe auch LP 10/2016). Hier sitzt der Pionier des ersten Supermarktes ohne Personal und ohne Schließzeiten. Die Idee dazu kam dem Schweden Robert Ilijason spät abends, als er das letzte Glas Babybrei in der Hand hatte, die nächste Einkaufsmöglichkeit jedoch zwanzig Autominuten entfernt war. Der IT-Spezialist entwickelte daraufhin eine App für Android- und iOS-Geräte, über die sich der Kunde zunächst registrierte. Im 45 Quadratmeter kleinen Laden namens Näraffär mit etwa 450 Produkten lief alles über die Smartphone-App: Die Tür öffnete sich mittels eines QR-Codes, die Waren scannte der Kunde selbstständig. Die Abrechnung erfolgte monatlich. Das Konzept war so erfolgreich, dass das schwedische Start-up-Unternehmen Wheelys schon nach nicht mal einem Jahr Näraffär aufkaufte und es weiterentwickelte. Was daraus wurde? Mobymart, ein unbemannt und autonom fahrender 24/7-Stunden-Minimarkt-Transporter, der seit Juni 2017 durch Shanghai fährt und bald innerhalb Chinas expandieren soll. Laut Unternehmensfilm werden aktuell zehn weitere Mobys gebaut.
In Europa sind wir vom autonomen Fahren weit entfernt. Das liegt weniger an der Technik, sondern vielmehr an der Gesetzeslage, einer schlecht ausgebauten Infrastruktur und mangelnder Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung. Das hat man bei Wheelys auf dem Schirm und arbeitet laut Medienberichten daher an einer Version 5.0., einer stationären Einheit, die zum Wechseln des Standorts auf Anhängern oder Lastwagen montiert werden kann. „Ob in Großbritannien, Deutschland, Frankreich oder Schweden – überall ist es schwieriger, Geschäfte auf dem Land zu finden. Der Bedarf ist groß. Es fehlt einfach am kleinen Laden um die Ecke. Daher ist der europäischen Markt für unser Modell so interessant“, wird Per Cromwell, Mitbegründer von Mobymart, zitiert.
Führerlose Lieferwagen werden inzwischen in mehreren Ländern erprobt, etwa von Pizza Hut oder Toyota. Lidl will in Schweden den autonomen Elektro-Transporter „T-Pod“ testen. Auch mit Drohnen und Robotern versucht man, Lieferungen autonom zum Kunden zu bringen.
In Deutschland setzt man auf das Konzept der Hybrid-Filiale: einer Symbiose aus regulärem Betrieb und autonomem Eintritt und Einkauf ab einer gewissen Uhrzeit. So ist es etwa im 24-Hour-Shop Würth24 in Leipheim bei Ulm, direkt an der Autobahn A 7. Die Baustellenkunden sind es gewohnt, im Sommer bereits sehr früh am Morgen bis teilweise spät am Abend zu arbeiten. „Mit Würth24 stehen unsere Kunden nicht mehr vor verschlossenen Türen, sondern haben zur Bedarfsdeckung an sechs Tagen in der Woche uneingeschränkt Zugriff auf ein breites Sortiment“, sagt Michael Schneider vom Spezialist im Handel mit Montage- und Befestigungsmaterial Würth. Die direkte Lage der Verkaufsniederlassung garantiert zudem eine optimale Erreichbarkeit für die Kunden.
Der Prozess bis zur Realisierung dauerte gerade mal ein Jahr. Als ganzheitlicher Systemanbieter ist Wanzl für sämtliche Prozesse bei der Entwicklung und Umsetzung des 24-Stunden-Shops verantwortlich. Mit der Herstellung von Einkaufswägen vor 80 Jahren begonnen, hat sich das Unternehmen zum Experten in der Ladenausstattung und Vernetzung von stationärem Handel und E-Commerce entwickelt. Kunde Würth sei mit der Hybridkonzeptumsetzung so zufrieden, nicht zuletzt, weil auch das Feedback der Kunden sehr positiv sei. Für 2019 seien weitere 50 Niederlassungen geplant, wovon rund zwei Drittel mit dem Würth24-Konzept ausgestattet werden sollen.
Während von montags bis samstags der Betrieb tagsüber mit Mitarbeitern vonstattengeht, Beratung inklusive, erfolgt der Eintritt ab 17 Uhr über den Scan eines QR-Codes. Das System erfasst die Kundennummer, und die Tür öffnet sich automatisch. Nach einer Schleuse steht dann das komplette 4.700 Stück umfassende Ladensortiment zur Verfügung. Neben Technik und Software hat Wanzl die Würth-Niederlassung mit der entsprechenden Hardware ausgestattet. Dazu zählt auch die Kundenführung mit Infoscreens. Die ausgewählte Ware wird mit Hilfe eines Tunnelscanners über dem Kassenband erfasst. Bevor die Rechnung einige Tage später zugestellt wird, wird vor Verlassen der Filiale ein Lieferschein gedruckt. Erst, wenn die Zahlung quittiert ist, kann der Kunde das Geschäft wieder verlassen. Alle Artikel sind mit einer Warensicherung versehen, die erst durch den Scantunnel freigegeben wird. Verlässt ein Kunde den Store ohne Bezahlen, wird Alarm ausgelöst.
Pro Nacht kaufen laut Würth zwei bis fünf Kunden ein. „Die Tendenz ist positiv. Bereits jetzt werden in unserem Pilotstore fünf Prozent der Umsätze außerhalb der regulären Öffnungszeiten getätigt“, sagt Würth-Mitarbeiter Schneider. Über die durchschnittliche Bonhöhe will er keine Angaben machen. Aber das Konzept sei schon in den ersten vier Wochen nach Eröffnung rentabel.
Das Konzept hat viel Aufmerksamkeit erzeugt. Überall? Auf LP-Anfrage winkten die großen Unternehmen des Lebensmittelhandels ab: kein Bedarf, kein Interesse – so lauten die offiziellen Statements. Neugierig scheint man aber doch, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. „Das Feedback aus anderen Branchen, beispielsweise aus dem Lebensmittelhandel, ist wohlwollend und positiv“, ist von Würth zu er-fahren.
Ist die Übertragbarkeit des Wanzl-Konzepts auch auf den Lebensmittelhandel denkbar? Dass Nonfood und Trockensortimente leichter auf das System adaptierbar seien, liege auf der Hand, heißt es bei Wanzl, beispielsweise für Drogerien oder Tierfuttermittelhändler. Als Lösung für den LEH könne darüber nachgedacht werden, den Supermarkt24, also nach der regulären Öffnungszeit, die mit Personal besetzt ist, nur noch mit Nonfood und Trockensortiment zu führen. „Hochwertige Produkte oder Produkte mit besonderem Beratungsbedarf sind in einem abgesperrten Bereich vor Zutritt geschützt“, denkt Würth-Mitarbeiter Schneider laut nach.
Wanzl hält den Shopentwurf für besonders vielversprechend. „Wir sehen in unserem Konzept sogar die Möglichkeit, dem Ladensterben auf dem Land und in den Innenstädten entgegenzuwirken. Durch die Möglichkeit, unabhängig von Öffnungszeiten rund um die Uhr Umsatz zu generieren, werden auch kleinere und nicht so hochfrequentierte Läden wieder rentabel“, glaubt Schneider. Im Gegensatz zum Einkauf an der Tankstelle hat man in der Regel zudem einen geringeren Warenpreis und eine breitere Warenauswahl. Der Kunden kauft beim Händler seines Vertrauens seine favorisierten Produkte zum gewohnten Preis: tagsüber mit persönlicher Beratung, nachts autonom.
Per App können Kunden in Shanghai den autonom fahrenden Supermarkt-Transporter Mobymart bestellen. Laut Unternehmensfilm nutzen fünf Prozent der Kunden Moby täglich. Die Umsätze seien höher als in einem stationären Laden gleicher Größe.