Interview mit Kulturwissenschaftler „Alkohol ist sozialer Schmierstoff“ – warum die Nüchternheitsbewegung Grenzen hat

Hintergrund

Konsumverzicht, Selbstoptimierung und neue Lebensstile: Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder erklärt, warum immer weniger Menschen Alkohol trinken, welche Rolle die Generation Z dabei spielt und weshalb der Trend nicht zwangsläufig dauerhaft anhalten muss.

Dienstag, 09. Juni 2026, 07:40 Uhr
Tobias Dünnebacke
Gunther Hirschfelder ist ein deutscher Kulturwissenschaftler und hat zum Thema Alkoholkonsum habilitiert. Bildquelle: Gunther Hirschfelder

Welche Rolle hat Alkohol in Ihrer Jugend gespielt?

Ich bin Jahrgang 1961 und habe während der Studienzeit meine Sozialisation nicht nur an der Uni, sondern auch in Kneipen erfahren. Viele von denen, die mit mir abends beim Bier gesessen haben, die sehe ich heute in Gremienveranstaltungen, die sehe ich im Bundestag und im Fernsehen. Je mehr die Leute diskursiv geübt waren und auch in der Kneipe Thesen vertreten und diskutiert haben, desto mehr haben sie kommunikative Fähigkeiten erlangt. Alkohol, zumindest der moderate Rausch, wirkt euphorisierend und enthemmend. Und das ist oft wichtig für Kommunikation.

Nicht wenige Experten würden das Verharmlosung nennen.

Nichts liegt mir ferner. Alkohol ist ein Zellgift und kann süchtig machen. Aber man kann sich auch fragen, ob wir eine Gesellschaft wollen, in der wir einem Drittel der Menschen Psychopharmaka verschreiben, in der psychische Erkrankungen explosionsartig zunehmen, gerade bei jungen Leuten mit einem hohen Maß an Einsamkeit, in der wir aber ein Bier am Abend skandalisieren? Evidenzbasierte Studien zeigen: Gemäßigter Alkoholkonsum ist ein Bestandteil von Lebensqualität, führt zu mehr sozialem Leben. Und Gesellschaften mit moderatem Alkoholkonsum haben unter bestimmten Bedingungen eine größere Langlebigkeit als komplett nüchterne Gesellschaften.

Wie nehmen Sie den derzeitigen Gesundheitstrend wahr?

Das sind Wohlstandsdiskurse. Die führen wir in Zeiten einer positiven Konjunktur und robuster Wirtschaftsdaten. Und wir sehen, dass sich diese Narrative verschieben bei Gesellschaften, die in die Krise geraten. Beispiele sind Südeuropa 2008 im Rahmen der Finanzkrise oder die Ukraine unter dem Angriff Russlands. Dann interessiert sich für gesunde Ernährung keiner mehr, dann geht es um Arbeitslosigkeit, um Kapitalverlust, um die Bedrohung von Leib und Leben.

Die Konjunktur läuft schlecht. Wie erklären Sie sich trotzdem die Abkehr vom Alkohol?

Bis in die 1990er-Jahre lief der Konsum immer parallel zum wachsenden Wohlstand. Alkohol war bis zu einem gewissen Maß in der breiten Gesellschaft akzeptiert. Ein erster Wendepunkt waren der Wegfall des Ost-West-Gegensatzes und die Globalisierung. Faktoren, die zu einer Neoliberalisierung der Wirtschaft geführt haben. In dieser Ellenbogenwelt müssen die Leute auf ein höheres Maß an Fitness achten. Hinzu kommt, dass Alkohol in seiner Hochphase fast konkurrenzlos war. Cannabis hatte eine deutlich geringere Wirksamkeit. Heute haben wir eine Rauschkultur, die sehr divers ist und bei der synthetische Drogen mehr Raum einnehmen.

Welche Rolle spielt die zunehmende Digitalisierung?

Sie führt dazu, dass wir einen größeren Fokus auf das äußere Erscheinungsbild und Fitness legen. Wir nutzen die sozialen Netzwerke, um einen Partner zu finden. Dort wischen Nutzer jemanden weg, der optisch aus dem Normbereich fällt. So verlieren auch in unserer Freizeit Genuss, Ideologie und Politik an Bedeutung, und wir legen größe­ren Wert auf Selbstoptimierung.

Wird der aktuelle Trend zu weniger Alkohol langfristig anhalten?

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Kultur nie linear, sondern immer sinuskurvenförmig verläuft. Wir haben nach jedem Ab auch wieder ein Auf.