Nachhaltigkeit „Es besteht Nachholbedarf in der Kommunikation“

Bio-Produkte gelten als das Vorzeigesortiment in Sachen nachhaltiger Konsum. Doch wie ist die Wahrnehmung der Verbraucher? Wo liegen Wachstumschancen für Handel und Hersteller? Und wie sicher ist das Kontrollsystem in Deutschland? Darüber sprach die LP mit Dr. Hanns-Christoph Eiden, Präsident der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE).

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Herr Dr. Eiden, wie wichtig sind Verbrauchern Nachhaltigkeitsaspekte als Kaufargumente für Öko-Lebensmittel?

Dr. Hanns-Christoph Eiden: Verbraucher, die sich für Bio-Produkte entscheiden, haben tendenziell eine Vorstellung davon, dass Produkte auf eine natürliche Art und Weise hergestellt wurden. Über das, was ökologische Wirtschaftsweise genau heißt, ist oftmals zu wenig bekannt. Für den Bio-Sektor wäre es meiner Meinung nach eine große Chance, wenn besser herausgestellt würde, dass Bio eine Form der Landwirtschaft ist, die besonders zu einer nachhaltigen Lebensweise und Wirtschaft beiträgt; dass es sich hier um ein umfassendes, durchdekliniertes System handelt, das Böden, Nutztieren und dem Klima zugute kommt. Hier besteht durchaus Nachholbedarf, was die Kommunikation betrifft.

Demnach sind eine bessere Kommunikation und Information der Verbraucher ein Schlüssel für weiteres Bio-Wachstum...

Wir sehen darin eine große Chance, ja. Der Bezug zur Landwirtschaft geht immer stärker verloren. Die Verbraucher müssen nachvollziehen, wie produziert wird. Sie müssen verstehen, wofür Bio steht, wo die Unterschiede zum konventionellen Anbau liegen. Die Vermittlung von Informationen ist einer der Schwerpunkte des Bundesprogramms Ökologischer Landbau und anderer Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN). Die BLE arbeitet als Projektträger für das Bundeslandwirtschaftsministerium gemeinsam mit den Öko-Anbauverbänden sehr intensiv an Kommunikationsmaßnahmen. Das BMEL kommt so der steigenden Bedeutung von Kommunikation nach. Beispielsweise durch die Förderung der Öffentlichkeitsarbeit von Modell- und Demonstrationsbetrieben. Diese öffnen ihre Tore für Besucher und sind, gemeinsam mit den weiteren Wirtschaftsakteuren, für eine verstärkte Kommunikation sehr wichtig und auch sehr gefragt.

Das heißt konkret? Was raten Sie Handel und Herstellern?

Vor allem die Vollsortimenter, die sich vom Discount abgrenzen möchten, sollten stärker in den Dialog treten mit Bio-Erzeugern. Insbesondere mit den lokalen Erzeugern sollten sie sich darüber austauschen, was besonders nachgefragt wird und wo noch Bedarf besteht. Die Verbindung von Regionalität und Bio sehe ich als eine große Chance, ebenso den Trend zu vegetarisch-veganen Produkten. Hier ist das Angebot in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, wie wir in der Informationsstelle Bio-Siegel anhand der Produktanmeldungen sehen können. Großes Potenzial für den Bio-Sektor sehen wir zudem im wachsenden Außer-Haus-Markt, also etwa der Gastronomie oder der Kantinenverpflegung, die für den Lebensmittelhandel ebenfalls immer bedeutender wird. Angesichts veränderter Lebensstile und Essgewohnheiten sollten verstärkt Bio-Convenience-Produkte entwickelt werden.

Seit 2012 ist das neue EU-Bio-Logo verpflichtend, die Siegel der Anbauverbände sowie das nationale Bio-Siegel dürfen zusätzlich genutzt werden. Welche Bedeutung hat heute noch das grüne Sechseck, das nationale Signet?

Aktuell nutzen mehr als 4.500 Unternehmen das nationale Zeichen auf nahezu 71.000 Produkten. Das Sechseck ist ein markantes Siegel, das auf den ersten Blick begreiflich macht, wofür es steht. Rund 90 Prozent der deutschen Verbraucher kennen es. Diese unverändert hohe Bekanntheit und das Vertrauen der Verbraucher in das Siegel machen nach wie vor dessen Wert aus.

Gerade wurde das bayerische Bio-Siegel genehmigt. Dienen neue regionale Zeichen der von Ihnen geforderten besseren Kommunikation oder sorgen sie eher für Verwirrung?

Unterschiedliche Zeichen stehen für unterschiedliche Inhalte. Bislang existieren die bestehenden Zeichen ganz gut nebeneinander. Das spricht dafür, dass sie unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden. Bei einer wachsenden Zahl von Zeichen kann ich allerdings nicht ausschließen, dass es zu einer Übersättigung der Verbraucher kommt. Es werden sich langfristig nur diejenigen Zeichen behaupten, die eine klare Aussage treffen.


Siegel-unabhängig wird dennoch immer häufiger die Frage gestellt „ist Bio drin, wo Bio draufsteht“. In der Vergangenheit gab es den ein oder anderen Bio-Skandal sowie Ärger mit Öko-Kontrollstellen. Wie gut ist unser Kontrollsystem aufgestellt?

Bio ist keine kleine Nische mehr, wir haben es mit globalen Warenflüssen zu tun und einer zunehmenden Komplexität. Daher ist es das gute Recht der Verbraucher, nachzufragen, ob in Bio auch Bio drin ist. Es gibt immer Produzenten, die sich nicht an die Regeln halten wollen. Daher ist es wichtig, dass man klar definiert, was Bio ausmacht, und ein gutes Kontrollsystem etabliert. Ich bin der Meinung, dass wir hier eine besondere Verpflichtung haben, denn vom Vertrauen in das Bio-System hängt ein Stück weit auch das generelle Vertrauen der Verbraucher in die Landwirtschaft ab.

Wie sieht ein „gutes Kontrollsystem“ aus?

Ein gutes System ist auf der einen Seite praktikabel, muss aber andererseits so streng sein, dass sich der Erzeuger drei Mal überlegt, ob er die Regeln bricht. 100-prozentige Sicherheit gibt es nirgendwo.

Wie gut ist das deutsche Kontrollsystem auf Basis von privaten Kontrollen unter staatlicher Überwachung im Vergleich beispielsweise zu Dänemark, wo das Kontrollsystem komplett in staatlicher Hand liegt?

Es gibt keine Erkenntnisse darüber, dass ein System besser ist als das andere. Beide Ansätze können gut oder schlecht durchgeführt werden. Wir haben in Deutschland eine Lösung, die dem Steuerzahler zugute kommt – ein schlankes System, das auf der Eigenverantwortung der Wirtschaft basiert. Hier und da gibt es sicher Nachholbedarf sowie Anlass zur Weiterentwicklung.

Können Sie Beispiele für Schwächen nennen?

Wenn wir Schwächen hatten bei Kontrollen, dann weil die Kontrollstellen zu schwach aufgestellt waren. Es wurden jedoch im Nachgang mehr von der BLE zugelassene Kontrolleure eingestellt. Verbesserungsbedarf sehe ich in Bezug auf die Zusammenarbeit zwischen den Bundesländern. Sollte eine Landesbehörde feststellen, dass eine Öko-Kontrollstelle nicht ordentlich arbeitet, muss diese Information schneller an andere Bundesländer weitergegeben werden, in denen diese Kontrollstelle ebenfalls tätig ist. Insgesamt muss der Informationsfluss beschleunigt und umfassender werden. Die entsprechenden Gremien arbeiten derzeit an der Optimierung. Darüber hinaus benötigen wir eine bessere Vernetzung und Kommunikation bei der Kontrolle von Drittlandsprodukten, also jenen, die in die EU importiert werden.

Eine Lösung, also einen klaren Nachweis, ob ein Produkt bio ist oder nicht, könnten wissenschaftliche Testverfahren liefern. Gibt es in absehbarer Zeit eine solche Methode, die die Öko-Kontrollen ergänzen könnte?

Hierzu hat die BLE in den vergangenen Jahren einige Forschungsprojekte betreut, beispielsweise zur Isotopenmassenspektroskopie (IRMS) und Fluoreszenz-Anregungs-Spektroskopie (FAS). Die dabei untersuchten Verfahren sind allerdings nicht „gerichtsfest“, liefern also nicht den erwünschten eindeutigen Nachweis. Neue Methoden, die schnell und sicher z. B. falsche Deklarierung erkennen sollen, wurden gerade im europäischen Forschungsprojekt „Authentic Food – Fast methods for authentication of organic plant based foods“ in elf Ländern getestet. Die Ergebnisse werden aktuell zusammengefasst, sind aber noch nicht ausgewertet.