Edeka Hieber Sozialer Anschluss ist Schlüssel zum Erfolg

Weil an den Bedientheken Nachwuchsmangel herrscht, bildet Edeka Hieber auch Spanier aus. Eine gute Einbindung der Azubis über die Arbeit hinaus ist entscheidend, damit die jungen Menschen am Ball bleiben und nicht dem Heimweh nachgeben.

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Xavi Diaz grüßt freundlich und lächelt die Kundin an. „Ich hätte gern 400 g gemischtes Hackfleisch“, sagt die Frau. Der 24-Jährige wiegt die gewünschte Menge ab und erkundigt sich, ob sie noch einen Wunsch habe. Die Dame verneint, und Xavi Diaz wünscht ihr einen schönen Tag, als er ihr das Hackfleisch-Päckchen über die Theke reicht.

Das war einfach. Doch das ist es nicht immer. Manchmal bestellen die Kunden an der Fleischtheke in Hiebers Frische-Center in Lörrach Stücke, deren Fachbegriff Diaz nicht kennt, manchmal versteht er den Kundenwunsch gar nicht erst, weil er im alemannischen Dialekt oder auf Schweizerdeutsch vorgetragen wird. Nervös wird er deswegen nicht. „Ich erkläre dann, dass ich Spanier bin und noch nicht so gut Deutsch spreche und frage einen Kollegen um Rat“, erzählt Diaz. Normalerweise reagierten die Kunden verständnisvoll darauf, zuweilen überrascht, oft seien sie an seinem Werdegang interessiert.

Diaz ist einer von 20 Spaniern aus dem Raum Barcelona, die seit Juli 2013 in neun Hieber-Märkten an den Bedientheken arbeiten und eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann begonnen haben. Erfahrung im Lebensmittelhandel hatte der junge Spanier nicht. Zuletzt hat er im Sportladen seiner Cousine ausgeholfen. Dass er nun im Dreiländereck Schnitzel und Dry-aged-Beef verkauft, liegt am mangelnden Interesse deutscher Jugendlicher an diesem Job.

Auch ein 18-Jähriger und eine 20-Jährige aus dem Elsass absolvieren momentan bei Edeka Hieber ihre Einzelhandelsausbildung. Denn auch in Frankreich ist die Jugendarbeitslosigkeit hoch.
Das Besondere an diesem Projekt: Die Lehrlinge arbeiten in Deutschland, gehen aber in Frankreich zur Schule und legen dort auch ihre Prüfung ab. Unklar ist noch, ob sie in Deutschland eine Zusatzprüfung machen müssen. Da die Anforderungen im Nachbarland höher seien (16 Wochenstunden Schule versus etwa 10 in Deutschland), hält Hieber-Geschäftsführer Karsten Pabst dies nicht für nötig.
Möglich geworden ist diese Kooperation durch ein Abkommen auf Länderebene, das im September des vergangenen Jahres unterzeichnet worden ist und das in Deutschland von den Industrie- und Handelskammern betreut wird.
Für Pabst ist das grenzüberschreitenden Projekt schon jetzt ein Erfolg, um dem Fachkräftemangel im Lebensmittel-Einzelhandel in Deutschland zu begegnen. Im Herbst will er zwei weitere Elsässer als Lehrlinge einstellen.

Hieber-Geschäftsführer Karsten Pabst hat in den vergangenen Jahren nicht mehr genug Schulabgänger gefunden, um alle Ausbildungsplätze zu besetzen. „Die Bedientheken sind unser Herzstück. Aber sie sind personalintensiv, also mussten wir etwas tun, um auch künftig die gewohnte Servicequalität aufrechterhalten zu können“, erläutert er. Ihm kam die Idee, jungen Spaniern, die in ihrem Heimatland wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit keine Stelle finden, eine Chance zu geben.

Aus dem Einfall wurde im Herbst 2012 ein konkretes Projekt. Lothar Sprenzel, ein Lehrer aus Lörrach, der inzwischen eine deutsche Schule in Barcelona leitet, stellte Kontakte her und machte die Stellenausschreibung u. a. an seiner Schule bekannt. Die Agentur IDEA (Instituto Dual España Alemania), die erst durch die Anfrage von Pabst entstanden und auf die Vermittlung von jungen Spaniern an deutsche Händler spezialisiert ist, suchte aus 1.500 Bewerbungen die 90 geeignetsten Kandidaten heraus.

Im Frühjahr 2013 fuhren Pabst, Personalentwicklerin Carolin Pfau sowie Martin Behringer, Verkaufsleiter der Edeka Südwest, der für seine Marktkauf-Märkte neun spanische Lehrlinge akquirieren wollte, für die Auswahlgespräche nach Barcelona. „Die Motivation der Bewerber war oft eher ein ,weg von’ als ein ,hin zu’“, hat Pfau beobachtet. Dennoch waren die meisten sehr gut vorbereitet, hatten sich im Internet über die Region Lörrach informiert.

„Menschen ohne Schulabschluss oder mit akademischem Titel, Einzelkinder oder Jugendliche unter 18 Jahren haben wir ausgeschlossen“, zählt Pabst auf. Bei diesen Gruppen schätzten die Deutschen die Erfolgsquote als gering ein. Tatsächlich sind von den insgesamt 29 ausgewählten Lehrlingen 8 zurückgekehrt, weil sie Heimweh hatten oder einen Job in der Heimat gefunden haben. Bei Hiebers lernen nun noch 16 Spanier zwischen 20 und 28 Jahren. Dass die Abbruchquote nur bei 30 Prozent liegt und nicht, wie bei solchen Projekten sonst häufig, über 50 Prozent, liegt an der umfassenden Betreuung der jungen Menschen.