Lebensmittel-Sortimente

Brot- und Backwaren

Frische-Offensive

Seitenindex

Aldis Vorstoß bei Backstationen bewegt die Branche. Dabei schlummern noch Umsatzpotenziale im Brotregal und an der Bake-off-Station des Vollsortimenters.

Anzeige

Es kam nicht wirklich überraschend. Denn schon seit einigen Jahren wurde in der Branche darüber spekuliert, wann Aldi in das Geschäft mit im Markt aufgebackenem Brot einsteigen würde. Fünf Jahre lang waren immer wieder neue Lösungen getestet und meist wieder verworfen worden. Im Herbst vergangenen Jahres begann nun der Rollout mit der Lösung, die zwei der wesentlichen Parameter für Aldi wohl am besten erfüllt.

Geringer Flächenverbrauch, geringe Personalkosten. In den nächsten zwei bis drei Jahren will Aldi Süd sein Bake-off-Konzept flächendeckend in allen etwa 1.800 Filialen installieren. Das Prinzip ist simpel: Der Kunde drückt in der Filiale auf einen Knopf am Ausgabeautomaten, der das gewünschte Produkt im Bild zeigt – quasi Backen nach Bildern –, das Produkt wird in einem separaten Raum gebacken und rutscht nach kurzer Zeit aus dem Ausgabeschacht.

Aldis Engagement wird für Veränderungen in der Backbranche sorgen. Der Wettbewerb wird zunehmen. Zu wessen Gunsten (oder Lasten) ist derzeit noch nicht absehbar. Peter Becker, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks, geht davon aus, dass vor allem die Backstationen in Verbraucher- und Supermärkten Kunden verlieren werden. „Wir hoffen, dass die Verbraucher Qualität schätzen“, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Wobei er Qualität automatisch mit den Produkten der klassischen Handwerksbäcker gleichsetzt – eine Einschätzung, die von einem Verbandsfunktionär auch nicht anders erwartet werden darf. Möglicherweise schwant Peter Becker aber einfach nur Übles, denn nicht wenige Branchenbeobachter erwarten, dass Aldis Engagement eher auf Kosten der klassischen Bäckereien gehen wird: So sprach Matthias Queck (Planet Retail) bei der Vorstellung einer Discounter-Studie im Februar davon, dass sich Aldi mit dem Aufbau der Backstationen einen Teil vom Umsatzkuchen des Bäckereien abschneiden will.

Nach Einschätzung von Wolfgang Twardawa (Gesellschaft für Konsumforschung; GfK) sind die Discounter mehr oder weniger gezwungen, sich angesichts schrumpfender Marktanteile und Umsätze neue Felder zu erschließen. Schließlich laufe auch das Geschäft mit Aktionswaren schon lange nicht mehr rund. Den dringend benötigten Schub könnte Aldi Süd nun durch die Backstationen erreichen. Der sei allerdings zunächst klein, da nur punktuell. Die Kunden der Vollsortimenter jedenfalls schätzen das Angebot an frischen Backwaren aus den Prebake-Stationen, das im Laufe der Jahre immer ausgefeilter wurde. Derzeit liegt der Marktanteil der Backstationen bei etwa 6,6 Prozent (GfK). Ein Anteil, der sich in den nächsten Jahren erhöhen wird.

Insgesamt schwächelte der Brotmarkt hier zu Lande im vergangenen Jahr etwas. Lebensmittel-Einzelhandel (LEH) und Drogeriemärkte (DM) setzten insgesamt 1,9 Mrd. Euro um, 3 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Absatz ging um 1,9 Prozent zurück. Am stärksten legte die Vertriebsschiene Drogeriemärkte mit 45 Prozent zu. Allerdings auf einem niedrigen Niveau: 2009 wurden 5,5 Mio. Euro umgesetzt. Dieser Umsatz wird überwiegend mit Spezialbroten gemacht wie gluten- oder laktosefreien Produkten bzw. für Diabetiker geeigneten Waren.

Wie kann der LEH nun Aldis-Frischevorstoß parieren? Bake-off gehört in den Märken des LEH quasi zum guten Ton. Dabei hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass ein Basis-Sortiment allein nicht ausreicht, der Kunde auch Differenzierung bei Bake-off erwartet, und gleichzeitig nicht auf die Angebote des SB-Regals verzichten will. Für die Rewe Group, so ein Sprecher der Kölner, liegt die Stärke des eigenen Konzepts daher in der „standortspezifischen Kombination von Bake-off, SB-Regal und Vorkassenbäckerei“. Eine Vielfalt, die für die Kunden attraktiv sei und für Frequenz sorge. In der Vorkassenzone setzen die Kölner zudem auf die unternehmenseigene Glocken-Bäckerei bzw. auf „lokal bekannte Bäckereien“.

Jüngste Entwicklung bei Rewe ist Bio-Bake-off. Derzeit werden sechs Produkte angeboten; ein Bio-Weizenbrötchen z. B. gibt es für 22 Cent. Dabei haben die Kölner seit nunmehr zehn Jahren Erfahrung mit dem Backen von Brot und Brötchen im Markt: In den Penny-Filialen gibt es bis zu 15 Artikel mit einer regional unterschiedlichen Auswahl. Das Sortiment ist insgesamt eher als Basis-Angebot zu charakterisieren.

Die Kölner haben jedoch noch ein Ass im Ärmel: die im bayerischen Bergkirchen gerade fertiggestellte moderne Großbäckerei der unternehmenseigenen Glocken-Bäckerei. Diese versorgt Rewe- und Penny-Märkte im Süden auch mit Produkten für das SB-Regal. Dabei gehe es aber nicht darum, die Industrie-Marken aus dem Regal zu drängen, stellt der Sprecher klar: „Wir wollen die gestiegene Nachfrage in unseren Märkten befriedigen und unser Know-how erweitern. Brot und Backwaren sind in Deutschland ein Imageträger.“ 2009 hat die Glocken-Bäckerei ihren Umsatz hier zu Lande um deutlich mehr als 10 Prozent gesteigert.