Fleisch:Politisch korrekter Fleischverkauf

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Fleisch Politisch korrekter Fleischverkauf

Tierwohl- und Sterne-Fleisch, Bio und Slow Food: Es gibt viele Siegel und Kampagnen für den politisch korrekten Verkauf von Fleisch.

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Die tatsächlichen Verkaufszahlen sprechen für sich, genauso wie die Tatsache von mangelnder Mengenverfügbarkeit. Trotzdem haben Verbraucher derzeit den Eindruck, dass Tierwohl-Fleisch ein Selbstläufer ist, denn Fernsehsendungen und Zeitungsartikel sind voll mit Nachrichten, dass dieses oder jenes Handelsunternehmen und dieser oder jener Fleischlieferant und Wursthersteller nun speziell gesiegeltes Fleisch und Geflügel anbietet. Gute PR kann jeder gebrauchen. Was in Pressemitteilungen übertrieben positiv dargestellt wird, ist sicher auch ein Teil der Gegenreaktion darauf, dass gerade die Fleisch-Branche quasi permanent am Pranger steht und ihr zum Teil unbegründet schlechtes Image aufpolieren will.

Gerade ist der Fleischatlas 2013 (Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel) von Heinrich-Böll-Stiftung, BUND und Le Monde diplomatique erschienen. Provokativ heißt es dort (S. 6): „Wo gibt es bäuerliche Viehzucht, bei der Tiere und Landflächen aufeinander abgestimmt sind? Die Antworten stehen nicht auf den Verpackungen im Supermarkt.“ Kritisch beleuchtet werden Agrarkonzerne. Groß gleich schlecht, weil Massentierhaltung. Bauernhof-Idylle ist dagegen gut. Dass sich mit einer derart romantisierenden Vorstellung von Fleischproduktion die Weltbevölkerung nicht ernähren lässt, wird allerdings auch nicht verschwiegen. Und vielleicht lässt sich das angesichts von nur begrenzt verfügbaren Flächen auf dem Globus irgendwann ohne Gentechnik gar nicht mehr regeln. Schon heute ist „maßgeblich, wer kontinuierlich große Mengen liefern kann“ (S. 14).

Thema Antibiotika: „Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält es für erwiesen, dass mittlerweile mehr Antibiotika an gesunde Tiere als an kranke Menschen gegeben werden“ (Fleischatlas 2013, S. 32). Tierwohl hat nicht nur mit Platz im Stall, Auslauf, Verbrauch an Landflächen und Wasser, Pestiziden und Dünger etwas zu tun, sondern auch mit Transport und dem tatsächlichen Einkaufsverhalten der Konsumenten. Angebote gibt es – und nicht erst seit gestern – Bio-Fleisch, Privathofgeflügel von Wiesenhof, direkt vermarktende Landwirte und kleine Metzgereien. Fakt ist aber, ähnlich wie beim 3-Liter-Auto, die Nachfrage hält sich in Grenzen. Jährlich schließen in Deutschland 500 Metzgereien und Fleischerfachgeschäfte. Und von einem Bio-Boom kann bei Fleisch und Wurst nun wirklich keine Rede sein: Bio-Rindfleisch hatte 2010 einen wertmäßigen Marktanteil von 4 Prozent, Schweinefleisch lag bei 1 Prozent und Geflügel bei 2 (S.21).

Die Deutschen essen heute vier Mal so viel Fleisch wie um 1850, der Sonntagsbraten ist längst ein Alltagsbraten. Wie bei allem gilt, wenn etwas nichts Besonderes mehr ist, sondern nur noch alltäglich, verliert es an Wert und an Wertschätzung.

Während Strauß, Antilope, Känguru und andere Exoten oder Rindfleisch aus Japan und Kanada im deutschen Lebensmittel-Einzelhandel als Spezialitäten angeboten werden, sind diverse heimische, alte Haustierrassen bis auf wenige Ausnahmen wie das Schwäbisch-Hällische Schwein oder das Angler Sattelschwein vom Aussterben bedroht. Ob Konsumenten, Produzenten oder Vermarkter – wer sich mit dem Thema Tierwohl schmückt, wird ein dickes Fell haben müssen. Gut gemeint, ist nicht immer gut gemacht – und wer nur Einzelaspekte in seinem Tierwohl-Konzept berücksichtigt, wird von den fehlenden Konzeptbestandteilen ganz schnell wieder eingeholt. Authentizität und Glaubwürdigkeit sind entscheidend.

Zur deutschen Arbeits- und Esskultur gehört traditionell auch Pferd. Für viele Konsumenten ist das Pferd Teil der Freizeit- und nicht der Esskultur. Man fordert Tierschutz, indem man den Verzehr moralisch verwerflich findet, aber mit dem Entsorgen als wertlosem Müll haben dieselben Leute kein Problem. Ist das Wertschätzung? Viele Konsumenten haben sich von der Lebensmittelproduktion und ihrer Zubereitung (Wer kann heute noch kochen?) weit entfernt. Das hat Konsequenzen: Manche Kinder glauben, Kühe seien lila, das Fleisch kommt aus dem Supermarkt und nur männliche Kühe haben Hörner. Dass der Handel beim Verkauf von Pferdefleisch Proteste fürchtet, ist nachvollziehbar.

Spannend bleibt es, abzuwarten, welche Konzepte sich im Tierwohl-Bereich durchsetzen. Die Edeka Nord setzt mit „Natur pur“ auf Bio, die Edeka Südwest bietet in 40 Testmärkten ihr Sterne-Fleisch an. Es erfüllt den höheren Standard des Deutschen Tierschutzbundes (2 Sterne), Hit hat „Natürlich HIT“ lanciert, die Rewe bietet ab März bei Billa, Merkur und Adeg das komplette Hühnerfrischfleischsortiment der Eigenmarken „Hofstädter“ und „Mit Leib und Seele“ mit dem eigenen Nachhaltigkeitssiegel Pro Planet an.

Das alles kann ein einzelner Konsument kaum über- und durchblicken. Medien werden vergleichen und hinterfragen, einige fair, andere weniger fair und schlussendlich steht dann am Ende ziemlich sicher mal wieder die Branche am Pranger. Vermutlich dann aber auch die Siegelgeber, jene Tierschutzorganisationen und Verbände, die mit von der Partie waren. Schon jetzt kritisieren die Fundis und Hardliner in diesen Organisationen die Zusammenarbeit mit der Fleischbranche auf das härteste. Ob und wie sich solche Spannungsverhältnisse lösen lassen, wird ebenfalls spannend.