Tafeltag Mittel zum Leben – kein Abfall

Zum 20-Jährigen feierten die Tafeln nicht nur – sie stellten sich auch unbequemen Themen und diskutierten kontrovers das Thema Lebensmittelverschwendung.

Anzeige

1993 wurde in Berlin die erste deutsche Tafel gegründet. Heute gibt es 900 Tafeln mit mehr als 50.000 ehrenamtlichen Helfern in ganz Deutschland, die rund 1,5 Mio. Menschen, darunter ein Drittel Kinder und Jugendliche, mit Lebensmitteln versorgen. Diese Lebensmittel bekommen die Tafeln durch Spenden von Supermärkten, Restaurants und Herstellern. Somit arbeiten die Tafelhelfer seit 20 Jahren auch gegen Lebensmittelverschwendung. Denn ohne die Leistung der Tafel würden unverkäufliche Lebensmittel im Müll landen. Leider passiert das – trotz Tafeln – immer noch viel zu oft. Ein Drittel aller weltweit hergestellten Lebensmittel landet zum Schluss nicht auf dem Teller, sondern vorher im Müll, so eine Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen. Allein in Deutschland werden jedes Jahr knapp 11 Mio. t Lebensmittel weggeworfen. Im Durchschnitt wirft somit jeder Deutsche im Jahr 82 kg weg. Würde er das unterlassen, könnte er im Jahr weit mehr als 1.000 Euro einsparen.

Zum Jubiläum und zu einer Fachtagung Lebensmittelverschwendung luden die Tafeln nach Berlin ein. Die ehemalige Verbraucherschutzministerin Renate Künast fragte zum Auftakt der Tagung, „warum uns Lebensmittel so wenig wert sind, dass wir sie tonnenweise wegwerfen?“ Sie plädierte dafür, „Schönheitsideale“ zum Beispiel bei Obst und Gemüse zu hinterfragen und überdies die Verbraucher stärker darüber zu informieren, wo Lebensmittel angebaut bzw. wie sie hergestellt werden und welche Rolle sie für die menschliche Gesundheit spielen.

Das war das Stichwort für die Diskussion: Aufklärung und Ernährungsbildung wurden in der Podiumsdiskussion als Schlüssel für Vermeidung von Lebensmittel-„Abfall“ immer wieder angesprochen. Die Teilnehmer waren sich einig, dass auch mangelndes Wissen für den sorglosen Umgang mit Lebensmitteln verantwortlich ist und dass in die Lehrpläne von Schulen das Fach Ernährungslehre gehören sollte.

Doch allein darauf lässt sich Lebensmittelverschwendung nicht reduzieren. Schon bei der Ernte, auf dem Transport zur Verarbeitung und in die Regale fallen Unmengen an nicht verkäuflichen Lebensmitteln an. Hier sind vor allem Anstrengungen in Technik, Verpackung und Logistik vonnöten. Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE (Handelsverband Deutschland), verwies darauf, dass natürlich kein Lebensmittelhändler freiwillig Lebensmittel wegwerfen würde. Trotzdem komme es zu Überhängen, weil sich das Kundenverhalten nicht vollständig vorhersehen lasse. Reiner Mihr, Chefredakteur der LEBENSMITTEL PRAXIS, macht auf das Dilemma der Händler aufmerksam: „Abschriften müssen selbstverständlich in jedem Geschäft minimiert werden, aber Wegwerfen wird provoziert durch Angebote wie ‚Nimm 5, zahl 3’, dadurch, dass Großpackungen billiger sind als Kleinpackungen oder auch durch die Bevorzugung ästhetisch ‚schönerer’ Ware.“ Und klar sei auch: „Wenn jeder Kunde eines Lebensmittelhändlers 1.000 Euro einspart, weil er gezielt weniger kauft – bedeutet das für jeden Lebensmittelhändler erst mal weniger Umsatz. Kann er das wollen?“

Dass der Handel natürlich dennoch lieber Lebensmittel verkauft als wegwirft, unterstrich Hans-Jürgen Matern, Leiter Nachhaltigkeit der Metro Group, und stellte klar, wie sein Unternehmen durch eine Reihe von Maßnahmen in der Lieferkette versuche, Lebensmittelverluste zwischen Acker und Teller zu vermeiden. Der Hauptgeschäftsführer des BVE (Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie), Christoph Minhoff, machte deutlich, dass letztlich der Kunde entscheidet, ob und in welcher Menge er ein Produkt kauft.Jochen Bühl, Vorstandsvorsitzender des Tafel-Bundesverbands, betonte dazu, dass die Tafeln qualitativ einwandfreie Lebensmittel vor der Vernichtung bewahren wollen und damit den Ausgleich zwischen Überfluss und Mangel suchen.

Fotos: Wolfgang Borrs