Interview mit Alain Caparros - Rewe „Emotionalität und Erlebnis werden noch wichtiger"

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Wie der Supermarkt der Zukunft genau aussehen wird, weiß niemand. Aber Rewe-Chef Alain Caparros hat eine Vision.

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Wie muss sich der klassische Supermarkt wandeln, um in der Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben?
Alain Caparros: Wir müssen dabei mehrere Faktoren berücksichtigen. Zum Beispiel war es eine gute Entscheidung, dass wir den Nonfood-Anteil frühzeitig zurückgefahren haben, auch wenn diese Kategorie lange Zeit gute Umsätze gebracht hat. Nachdenklich stimmen müssen uns die Online-Händler, die sich auf Teile unseres Stammsortiments spezialisiert haben, zum Beispiel Wein. Wer hätte vor sechs Jahren gedacht, dass wir mit unserem eigenen „Kölner Weinkeller" 60 Prozent des Umsatzes online machen würden? Wir haben also auch in Segmenten, in denen wir uns als Supermarkt profilieren können, zusätzliche Wettbewerber bekommen. Was die Standorte angeht, müssen wir uns die Frage stellen, welche Flächen in welcher Größe für uns noch attraktiv sind. Klar ist schon, dass die Grüne Wiese an Attraktivität verloren hat. Doch auch bei den Innenstädten müssen wir nach Lösungen suchen, um sie attraktiv zu halten. Hinzu kommt die demografische Entwicklung. Laut Statistik leben derzeit in 75 Prozent der deutschen Haushalte nur eine oder zwei Personen. Tendenz weiter steigend

Sind Märkte mit kleinerer Verkaufsfläche die Antwort?
Es wäre arrogant von mir zu sagen, dass ich die Lösung kenne. Aber ich gehe davon aus, dass es im Supermarkt der Zukunft noch mehr auf Erlebnis, auf Emotionalität ankommt. Es wird ein Ort sein, wo man Leute trifft. Vielleicht lernt man dort etwas, z. B. in Kochkursen. Gastroangebote müssen vorhanden sein. Es wird eine gesunde Mischung aus Kultur, Gastro und Handel sein. Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt und testen neue Modelle, aber wie genau die richtige Gewichtung aussieht, wissen wir noch nicht

Ist die Formatvielfalt ein Weg, um unterschiedliche Kundenbedürfnisse zu befriedigen?
Wenn man nicht genau weiß, wo das Ziel ist, muss man verschiedene Richtungen einschlagen. Wir müssen uns auf jeden Fall beim Thema Convenience weiterentwickeln, denn die Menschen haben weniger Zeit und kochen seltener selbst. In kaufkraftstarken Gebieten beobachten wir, dass die Leute verstärkt Bio-Produkte kaufen wollen. Sicher wird sich auch der Trend zu nachhaltigeren und Fair-Trade-Produkten verstärken, weil die Menschen verantwortungsbewusst konsumieren wollen. Irgendwo dazwischen ist unserer Meinung nach die Lösung – in welcher Kombination auch immer

Die Selbstständigen in der Rewe waren im vergangenen Jahr sehr erfolgreich. Können die Ihre Vision umsetzen?
Unbedingt. Wenn wir europaweit schauen, haben derzeit große Konzerne wie Metro oder Carrefour Probleme. Dagegen gewinnen die Genossenschaften Marktanteile. Die Rewe-Händler haben einen noch intensiveren Bezug als die Marktleiter, denn es handelt sich um ihr Unternehmen, ihre Kunden und letztlich auch ihr Geld. Die Rewe-Kaufleute können diese Vision sehr gut umsetzen, denn ich glaube, in Zukunft werden wir keine Kunden mehr haben, sondern Gäste. Die Rewe-Kaufleute sind in ihrem Ort verwurzelt, in ihren Märkten herrscht eine familiäre Atmosphäre, ihnen wird es besonders leicht gelingen, den Gästen noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken, z. B. durch personalisierte Ansprache

Und die Filialen?
Wir können uns im Filialbetrieb noch verbessern. Wenn der Marktleiter jeden Kunden mit Namen begrüßt, ist der Kunde nicht mehr nur an einem Ort, wo er seinen Bedarf abdeckt, sondern er ist an einem Ort der Begegnung. Und das wird wichtiger in einer zunehmend anonymisierten Welt, in der viele Leute einsam sind. Da können wir als Rewe eine soziale Rolle spielen, der Supermarkt kann zum Marktplatz werden.